Es gibt keine unsportlichen Kinder!

Von Piet Könnicke

Die Geschichte eines vierjährigen Jungen in Indien, der Distanzen bis zu 60 Kilometern gelaufen ist, hat zu viele Diskussionen geführt und auch das Team von Take the Magic Step® beschäftigt. Im Gespräch mit Trainingswissenschaftler Dr. Henning Ohlert unterhielten wir uns über altersgerechtes Sporttreiben von Kindern und Verhaltensregeln für Eltern.

© Betty Shepherd
© Betty Shepherd

Wie viel Sport verträgt ein Kind?

Historisch hat sich von den Vorstellungen, was Kinder leisten können, viel getan. Grundsätzlich kann man sagen, dass Kinder Dauerleister sind. Der große Vorteil bei Kindern ist, dass sie von allein aufhören, wenn sie an Belastungsgrenzen kommen. Wenn Kinder beim Spielen erschöpft sind, machen sie eine Pause, wenn sie erholt sind, werden sie wieder aktiver. Ich denke, dass man mit Kindern nichts falsch machen kann, man kann sie nicht falsch belasten. Sie wissen sich selbst zu regulieren und bezeugen Unwillen, wenn es ihnen zu viel wird. Dieses Unmutsbekundungen sollte man dann auch respektieren. Was man bei Kindern beachten muss, sind Probleme mit der Thermoregulation, dass heißt die Abgabe von Körperwärme bei Aktivität. Kinder werden beim Spielen, Toben oder Sporttreiben schnell rot. Die Körperwärme, die anfällt, verursacht das schnelle Hecheln beim Atmen. Grund ist, dass das System der Schweißdrüsen und der Transpiration noch nicht so funktioniert wie bei einem Erwachsenen. Deshalb muss man bei Überhitzung der Kinder aufpassen. Doch generell haben Kinder ein sehr feines Gefühl für Aktivität und Pause. Höchst bedenklich sind jedoch solche Belastungen, wie man sie dem Kind in Indien zumutet.

Woran können Eltern erkennen, was und wie viel sie beim Sport ihren Kinder zutrauen und zumuten können?

Ich denke, man kann Kindern mehr zumuten, als die meisten Eltern glauben. Man erkennt an bestimmten subjekten Kriterieren, wenn eine Belastung ausreichend ist: die Färbung der Haut, extrem ist auch die Hautblässe, die Atem- und Herzfrequenz und die Qualität der Bewegungsausführung. Man nimmt sehr schnell wahr, dass die Bewegung unkontrolliert wird und sich das Sturzverhalten der Kinder ändert. Das sind deutliche Zeichen für eine Pause.

© Betty Shepherd
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Ab welchem Alter sollten Kinder regelmäßig trainieren?

Da müsste man den Begriff als sytematisch organisiertes Training erst einmal definieren. Ich glaube nicht, dass man im Kindesalter bis acht Jahren von Training reden sollte. Es spricht nichts gegen tägliche sportliche Betätigung oder Aktivität. Kinder sollen sich vielfältig und unspezifisch bewegen und sich einen großen Bewegungs- und Erfahrungsschatz schaffen. Das ist die beste Voraussetzung, später einmal erfolgreich Sport treiben zu können.

Gibt es unsportliche Kinder?

Nach meinem Verständnis gibt es keine unsportlichen Kinder. Mitunter wird jemand als unsportlich bezeichnet, weil er an bestimmten Fertig- und Fähigkeiten gemessen wird. Aber wenn man bestimmte Dinge noch nie gemacht oder geübt hat, ist klar, dass man Defizite hat. Häufig wird Unsportlichkeit auch im familiären Umfeld interpretiert: Weil Eltern sich als unsportlich betrachten, was nicht stimmen muss, ist das nicht gleichbedeutend für den Sohn oder die Tochter. Jedes Kind ist sportlich, ob es zu Meisterehren reichen wird, ist eine ganz andere Frage.

Kann man bei Kindern nicht grundsätzlich einen Bewegungsdrang voraussetzen?

Absolut. Nur leider geht der in der ontogenetischen Entwicklung verloren. In der puberalen Phase lässt dieser Bewegungsdrang nach. Da passiert es dann, dass junge Sportler die Lust verlieren und nicht mehr zum Training kommen.

Sollten Eltern da gegensteuern?

Es wäre nicht günstig, wenn die Begeisterung für den Sport gänzlich verloren geht. Dass es mal lustlose Phasen gibt, kann man tolerieren. Aber man sollte durchaus das Gespräch mit seinem Kind, dessen Trainer, dem Freund oder der Freundin suchen und sich offen über die Möglichkeiten verständigen, die man sich vielleicht vergibt.

Die Begeisterung von Kindern für eine Sache wechselt schnell. Heute spielen sie Tennis, morgen wollen sie Schwimmer werden, übermorgen Basketballer. Manchmal können sie sich auch nicht entscheiden. Sollten Kinder mehrere Sportarten machen oder sich besser auf eine konzentrieren?

Ich kann eine allgemeine Bewegungserfahrung nur befürworten. Ich geh mal davon aus, dass nicht jedes Kind zum Daviscup-Spieler ausgebildet werden soll, sondern dass es einfach nur Tennis spielen – oder einfach nur Inlinesakten, laufen oder Fußballspielen will. Ich bin ein großer Freund von Bewegungsvielfalt für Kinder.

Ist es naiv zu glauben, dass Kinder ihren Eltern einmal dankbar sein werden, wenn man sie mit einem gewissen Druck „zwingt“, etwas weiter zu machen, in der Hoffnung, dass sich der Erfolg einstellen wird und die Sportart als richtige herausstellen wird?

Dieser Wunsch oder die Hoffnung mag aller Ehren wert sein, aber die Denkmuster der Kinder sind völlig anders. Kindern denken sehr emotional, weniger rational als Erwachsene. Die Gründe von Kindern, eine Sache aufzugeben, sind nicht immer leicht zu ergründen oder zu verstehen. Sanfter Druck ist nicht verkehrt. Aber ist doch eine tolle Leistung, wenn Kinder selbst erproben, was ihnen gefällt.

Sollte Eltern gegenüber ihrern Kindern deutlich machen, welche sportliche Leistung sie von ihnen erwarten?

Die Erwartungshaltung der Eltern darf die Kinder nicht erdrücken. Es gibt in der Pädagogik eine Vielzahl von Hinweisen, dass Kinder scheitern, nur weil ihre Eltern zu viel von ihnen verlangen. Kinder können blockieren, wenn sie zu sehr unter Druck gesetzt werden. Schnell heißt es dann, sie hätten mental versagt. Aber der Vorlauf, dieses: „Du musst, du musst“, wird dabei überhaupt nicht analysiert. Eltern sollten lernen, die psychische Konstitution ihrer Kinder einzuschätzen und mit welchen Mitteln sie zu Zielstrebigkeit und Ehrgeiz erziehen können. Ein Läufer startet, um mit den Besten ins Ziel zu kommen und nicht weit abgeschlagen hinter den Ersten. Da sollte man seinen Kindern durchaus deutlich machen, dass es beim Sport auch darum geht, besser oder schneller zu sein als andere. Aber dafür braucht es Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen, jedoch keinen Druck. Denn Kinder, denen man einmal die Lust und Freude genommen hat, so dass Sport für sie zum Trauma geworden ist, gewinnt man nicht mehr zurück. Das haben wissenschaftiche Untersuchungen bewiesen. Die nächste Chance, sie wieder zu bewegen, Sport zu treiben, ist, wenn sie erwachsen sind, beruflicher Stress und falsche Ernährung zu gesundheitlichen Problemen führen und der Kardiologe ihnen verordnet: „Sie müssen was tun, am besten Sport!“

© Betty Shepherd
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Andererseits fühlen sich Kinder besonders motiviert, wenn ihre Eltern beim Training oder bei Wettkämpfen dabei sind.

Es ist völlig klar, dass es Kinder anspornt, wenn sie merken, dass ihre Eltern voll dahinter stehen bei dem, was sie tun. Irgenwann wird die Eigenmotivation so hoch, dass es dieses väterlichen oder mütterlichen Beistands nicht mehr braucht. Aber selbst Spitzensportler – ob beim Tennis, Fußball oder Laufen – bekommen einen Motivationsschub, wenn ihre Eltern im Stadion sitzen oder an der Strecke stehen. Entscheidend ist bei Kindern, wie man sich bei Misserfolgen verhält. Es ist wichtig, gemeinsam herauszufinden, wo Fehler gemacht worden sind und dass man sich vielleicht sogar mit dem Trainer verständigt und berät, was man im Training umstellen kann. Kinder müssen merken, dass man hinter ihnen steht und sie nicht aufgibt.

Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn ihr Kind nach zweijährigem Training Judo plötzlich blöd findet und es lieber zur Leichtathletik oder zum Tennis will. Sollten Eltern von ihren Kindern fordern, das weiter zu machen, was sie begonnen haben und nicht aufzugeben, nur weil es momentan keinen Spaß macht?

Den Wechsel von einer Sportart zur anderen halte ich nicht für dramatisch. Man sollte in einem Gespräch die Gründe herausfinden, warum sie den Spaß an dem einen verloren haben. Es gibt sicher nachvollziehbare Gründe. Aber selbst wenn sie nicht nachvollziehbar sind, sollte man nichts gegen den Willen des Kindes machen.

Wie sollten Eltern tun, die bei ihren Kindern sportliches Talent entdecken, aber unschlüssig sind, ob sie dieses fördern wollen?

Wenn jemand meint, sein Kind wäre auf irgendeine Art und Weise talentiert, was sich ja dadurch zeigt, dass es gegenüber Gleichaltrigen Vorteile hat und besser ist, würde ich einen nahe gelegenen Sportverein ansprechen und fragen, ob eine gezielte Förderung möglich wäre. Ich halte nichts viel davon, das Kind in weit entfernte Talentschmieden zu bringen, wenn die Hin- und Rückfahrt mit einem großen zeitlichen Aufwand verbunden ist. Kinder sollten ihren Sport und ihr Training ohne großen Aufwand machen. Sollte sich das Talent weiter entwickeln und ausprägen, gibt es im Jugendalter durchaus weitere Möglichkeiten zur Förderung – wie Sporteliteschulen oder Stipendien.

Und umgekehrt: Wie sollen sich Mütter und Väter verhalten, deren Kinder unbedingt Profisportler werden wollen, denen aber offensichtlich die Begabung fehlt?

Ich würde dem Kind trotzdem die gleiche Chancen einräumen, denn es wird sich in der „Stunde der Wahrheit“ zeigen, wie gut oder weniger gut es ist. Bei dauerhaften Misserfolgen sollte man gegenüber seinem Kind so fair sein und sagen, dass vielleicht eine andere Sportart sinnvoll ist. Es gibt ja viele Quereinsteiger, die durch den guten Rat eines Freundes oder der Eltern zu einer anderen, bis dahin weniger dominanten Sportart gewechselt sind und da Erfolg haben. Kinder, die Biss und gute psychische Eigenschaften haben, sollten zunächst das tun, was sie präferieren. Sie sollen sich erproben.

Wenn Eltern meinen, aus irgendeinem Grund – vielleicht schlechte Noten in der Schule – Sanktionen gegen ihr Kind erlassen zu müssen: Sind Trainingsverbot und Sportentzug vernünftige Disziplinarmaßnahmen?

Sportentzug als Strafe zu verwenden, halte ich pädagogisch für sehr problematisch. Man nimmt sich gerade bei Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, Stress und Emotionen, Bewegungs- und Spieldrang zu kanalisieren. Kinder können ihre Verhaltensmuster ja nicht ausblenden: Wenn sie in der Schule aggressiv sind, sind sie es auch beim Sport. Aber gerade dort lassen sich negative Gefühle in positive Energie umwandeln – durch die Bewegung an sich, durch die Ansprache des Trainers, durch Gruppendynamik beim Mannschaftssportarten, wo es auf Zusammenhalt und Kameradschaft ankommt.

Dr. Henning Ohlert (46) ist Dozent für Trainingswissenschaften der Universität Potsdam. Er war zehn Jahre Leistungssportler und lief als 23-Jähriger über 800 Meter 1:45.9 min. Gegenwärtig arbeitet er an einer Langzeitstudie über vier Jahre zur motorischen Leistungsfähigkeit und -entwicklung von zehnjährigen Kindern.