WM-Aktuell: Xue Bai siegt im Marathon mit ,Verspätung’ für China

Von Jörg Wenig
Xue Bai gewinnt den WM-Marathon am Brandenburger Tor. © www.photorun.net
Xue Bai gewinnt den WM-Marathon am Brandenburger Tor. © www.photorun.net

Mit einem Jahr Verspätung schaffte Xue Bai das, wovon die Chinesen vor einem Jahr geträumt hatten: Sie gewann die Goldmedaille im Marathon. In Peking bei den Olympischen Spielen war die heute erst 20-Jährige noch über 10.000 Meter an den Start gegangen und hatte in diesem Finale als 21. keine Rolle gespielt. Im olympischen Marathon hatte die chinesische Mitfavoritin Chunxiu Zhou damals Bronze gewonnen, am Sonntag lief sie in Berlin als Vierte ins Ziel. Hinter Xue Bai, die das Ziel am Brandenburger Tor nach 2:25:15 Stunden erreichte, gewann die Japanerin Yoshimi Ozaki Silber in 2:25:25. Bronze ging an die Äthiopierin Aselefech Mergia mit 2:25:32.

Dass Berlin eine Marathon- und Laufstadt ist, merkte man auch diesmal an der Strecke: Über 100.000 Zuschauer dürften wie tags zuvor den 10-Kilometer-Rundkurs mit dem zentralen Punkt am Brandenburger Tor gesäumt haben. Ähnlich groß wie bei den Berliner Straßenrennen – Marathon, Halbmarathon oder 25 km – war die Begeisterung für die 71 Läuferinnen, die bei sehr warmem Wetter ins Rennen gingen und lautstark angefeuert wurden. Viele verschiedene Länderflaggen hingen an den Absperrungsgittern.

Kurz nach Kilometer 25 war es die russische Außenseiterin Nailiya Yulamanova, die an der Spitze das Tempo forcierte und damit die große Spitzengruppe von zuvor 23 Athletinnen mehr und mehr dezimierte. Kurz nach Kilometer 30 blieben zeitweise neben der Russin nur noch drei Athletinnen an der Spitze übrig: die Chinesin Xue Bai, die Japanerin Yoshimi Ozaki und die Äthiopierin Aselefech Mergia. Kurz vor der 35-km-Marke ging Nailiya Yulamanova die Kraft aus. Nun gab es einen Dreikampf um Gold. Am letzten Verpflegungspunkt kurz vor Eingang der über einen Kilometer langen Zielgeraden forcierte dann Ozaki das Tempo – Mergia war geschlagen, doch Bai heftete sich an die Fersen der japanischen Siegerin des Tokio-Marathons 2008. Ozaki konnte laufen so schnell sie wollte, die Chinesin blieb ihr dicht auf den Fersen. Rund einen Kilometer vor dem Ziel ging Xue Bai schlieβlich an die Spitze und lief davon zum größten Sieg ihrer Karriere. Als beste Europäerin wurde die Portugiesin Marisa Barros Sechste in 2:26:50, Kara Goucher (USA) kam als Zehnte mit 2:27:48 ins Ziel.

Chinas Läuferinnen rennen schon in sehr jungem Alter lange Strecken bis hin zum Marathon. Xue Bai ist ein extremes Beispiel dafür: Bereits als 14-Jährige lief sie ihr erstes Rennen über die 42,195 km. Als 16-Jährige gewann sie 2005 bei den Asienmeisterschaften sowohl die 5.000 als auch die 10.000 m. „Es war mein erster WM-Start, und ich hätte nie gedacht, dass ich hier Gold gewinnen würde. Ich stand nicht unter Druck und konnte locker in das Rennen gehen“, sagte Xue Bai, deren Name übersetzt ,weißer Schnee‘ bedeutet. „Mein nächstes Ziel ist nun der Olympiasieg in London 2012.“

Ohne Deutschlands Top-Marathonläuferin Irina Mikitenko (TV Wattenscheid) spielten die besten nationalen Läuferinnen keine Rolle im Kampf um die vorderen Platzierungen. Wegen des Todes ihres Vaters hatte Irina Mikitenko vor einigen Wochen bekanntgegeben, dass sie auf ihren Start bei der WM verzichten würde. Sabrina Mockenhaupt (Kölner Verein für Marathon), die ursprünglich 10.000 Meter rennen wollte, machte ihre Sache dabei ausgezeichnet. Sie erreichte bei ihrem ersten Meisterschafts-Marathon Platz 17 in 2:30:07 Stunden. Susanne Hahn (Schlau.com Saarbrücken) belegte Platz 34 in 2:38:39.

Am Tag ihres 37. Geburtstages, den Irina Mikitenko im heimatlichen Freigericht (Hessen) verbrachte, gab es am Sonntag trotzdem eine Art Geburtstagsgeschenk für sie. Denn nach dem WM-Marathon von Berlin ist sie in der World Marathon Majors (WMM)-Wertung praktisch nicht mehr einzuholen. In der WMM-Serie sammeln die besten Marathonläuferinnen über einen Zwei-Jahres-Zyklus Punkte bei den fünf bedeutendsten Rennen der Welt (Boston, London, Berlin, Chicago, New York) sowie bei den Weltmeisterschaftsrennen und den Olympischen Spielen. Vor dem Abschluss der Serie 2008 – 2009, aus der die beiden Sieger am Ende des Jahres jeweils 500.000 US-Dollar erhalten, ist Irina Mikitenko nun praktisch uneinholbar in Führung. Denn in Berlin punkteten gestern nur Läuferinnen, die in der aktuellen Wertung keine Chance mehr haben.