WM-Aktuell: Kenianerin Linet Masai schockt die äthiopische Konkurrenz

Von Jörg Wenig
Linet Masai triumphiert im Berliner Olympiastadion. © www.photorun.net
Linet Masai triumphiert im Berliner Olympiastadion. © www.photorun.net

Im Wettstreit der beiden besten Läufer-Nationen der Welt hat Kenia gleich zum Auftakt der Weltmeisterschaften im Berliner Olympiastadion Äthiopien einen Schock versetzt. Ausgerechnet im 10.000-Meter-Finale, in dem die Äthiopierinnen sich des Sieges quasi sicher sein konnten, triumphierte eine Kenianerin: Die 19-jährige Linet Masai gewann die Goldmedaille in 30:51,24 Minuten, nachdem sie auf den letzten Metern noch die schon jubelnde Äthiopierin Meselech Melkamu (30:51,34) überholt hatte. Dritte wurde Wude Ayalew (Äthiopien) in 30:51,95.

Fünfmal in Folge hatte Äthiopien zuletzt bei den globalen Titelkämpfen die 10.000-m-Weltmeisterin gestellt. Und auch bei Olympia gewann im vergangenen Jahr mit Tirunesh Dibaba eine Läuferin aus diesem Land. Die Siegerin von Peking 2008 war in Berlin kurzfristig verletzungsbedingt ausgefallen. Trotzdem galten die Äthiopierinnen vor dem Finale als Favoritinnen.

 Ein spannendes Finish des 10.000 m Finales der Frauen. © www.photorun.net
Ein spannendes Finish des 10.000 m Finales der Frauen. © www.photorun.net

Lange Zeit sahen die Zuschauer im Gegensatz zum olympischen Finale vor einem Jahr ein taktisches und kein schnelles Rennen. Umso dramatischer wurde es in der letzten Runde. Zunächst war es die amtierende 5.000-m-Weltmeisterin Meseret Defar, die in Führung lag. Das war auch noch auf der Zielgeraden so, doch ihre Landsfrau Meselech Melkamu schob sich an ihr vorbei und eine frustrierte Defar fiel dann sogar auf Platz fünf zurück. Doch während Melkamu schon jubelte und dabei nur nach links schaute, wurde sie rechts kurz vor der Ziellinie noch von der Olympia-Vierten Linet Masai überholt. „Ich bin total enttäuscht, ich habe die Kenianerin nicht gesehen“, sagte Melkamu später, während Masai über ihren Coup jubelte: „Ich kann es nicht glauben. Aber ich habe nicht aufgegeben. Der Plan unseres kenianischen Teams war, dass wir uns gegenseitig unterstützen.“ Erstmals seit Sally Barsosio, die 1997 in Athen gewonnen hatte, stellt Kenia damit wieder eine Weltmeisterin über 10.000 m. Seit Tegla Loroupe, die 1999 in Sevilla Dritte wurde, hatte die Lauf-Nation Kenia über diese Strecke bei den Frauen keine WM-Medaille mehr gewonnen.

Hinter Grace Momanyi (Kenia/30:52,25) und Meseret Defar (30:52,37) wurde die US-Amerikanerin Amy Yoder Begley als beste nicht-afrikanische Läuferin Sechste in 31:13,78 Minuten.

Gleich mehrere Überraschungen hatte es am Vormittag bei den Vorläufen über 3.000-m-Hindernis der Frauen gegeben. Während die Olympiasiegerin und Weltrekordlerin Gulnara Galkina (Russland) ihr Rennen souverän für sich entschied und mit 9:17,67 Minuten auch die schnellste Zeit aller Vorläufe erreichte, rannte hinter ihr Antje Möldner (SC Potsdam) auf Platz zwei. Zum ersten Mal in ihrer Karriere qualifizierte sie sich damit souverän für ein großes Finale. In Peking noch knapp gescheitert, verbesserte die 25-Jährige mit 9:21,73 Minuten hier sogar ihren eigenen deutschen Rekord gleich um rund fünfeinhalb Sekunden.

Ausgeschieden ist dagegen eine der großen Medaillenaspirantinnen: Die russische Titelverteidigerin Yekaterina Volkova kam im dritten Vorlauf nicht über Rang sieben hinaus in 9:43,52 Minuten. Gerade so qualifiziert für das Finale am Montag hat sich Kenias Olympia-Sechste Ruth Bisibori Nyangau. Als Fünfte ihres Laufes rutschte sie mit 9:27,04 Minuten noch in den Endlauf.

„Mein Ziel war es, zumindest Vierte zu werden und mich so für das Finale zu qualifizieren. Ich wollte nicht denselben Fehler machen wie vor einem Jahr, als ich als Fünfte bei Olympia ausschied. Jetzt habe ich alles gegeben, bin Zweite geworden mit einem nationalen Rekord und werde im Finale kämpfen bis zum Ende“, sagte die frühere Mittelstreckenläuferin Antje Möldner, die erst im vergangenen Jahr zur Hindernisstrecke gewechselt war.

In den 1.500-m-Vorläufen der Männer setzten sich die Favoriten durch. Mehdi Baala (Frankreich/3:42,77), Asbel Kiprop (Kenia/3:41,42) vor dem Titelverteidiger Bernard Lagat (USA/3:41,60), Augustine Choge (Kenia/3:44,73) und Deresse Mekonnen (Äthiopien/3:37,04) gewannen ihre Vorläufe. Für die beiden deutschen Starter lief es nicht gut: der Berliner Carsten Schlangen (LG Nord/3:44,00 auf Platz neun seines Rennens) schied ebenso aus wie Stefan Eberhard (LC Erfurt/3:40,05/10.). Eberhard fehlte allerdings nur eine Hundertstelsekunde zur Halbfinal-Qualifikation.