Meb Keflezighi gelingt erster US-Sieg seit 1982 in New York

Von Jörg Wenig
Meb Keflezighi schreibt US-Laufsportgeschichte in New York. © www.photorun.net
Meb Keflezighi schreibt US-Laufsportgeschichte in New York. © www.photorun.net

Meb Keflezighi und Derartu Tulu heißen die überraschenden Sieger des 40. ING New York City-Marathons. Während der US-Amerikaner für den ersten Heimsieg seit 27 Jahren sorgte, gelang der zweimaligen 10.000-Meter-Olympiasiegerin aus Äthiopien (1992 und 2000) ein nicht mehr erwarteter, großer Marathon-Sieg. Meb Keflezighi gewann das Rennen über die 42,195 Kilometer von der Verrazano Bridge bis in den Central Park in der persönlichen Bestzeit von 2:09:15 Stunden, Derartu Tulu erreichte das Ziel nach 2:28:52. Währenddessen platzte der Traum vom vierten New York-Sieg für Paula Radcliffe. Die Britin wurde Vierte mit 2:29:27.

Eine Rekordzahl von 43.471 Athleten ging bei der 40. Auflage des Spektakels an den Start. Angefeuert wurden sie an der Strecke von zwei Millionen Zuschauern, während 315 Millionen Menschen den größten Marathon der Welt an den Fernsehbildschirmen verfolgten.

Bei zeitweiligem Gegenwind entwickelte sich sowohl bei den Männern als auch den Frauen kein schnelles, sondern ein taktisches Rennen. Als die Spitzengruppe der Männer den 10-km-Punkt nach 31:05 Minuten erreicht hatte, lief diese Zwischenzeit auf ein Ergebnis von knapp über 2:11 Stunden hinaus. Nur wenig schneller wurde es auf dem folgenden 10-km-Abschnitt, obwohl das Männerfeld so stark besetzt war wie wohl noch nie in der Geschichte des New York-Marathons. 13 Athleten mit Bestzeiten von unter 2:10 Stunden waren im Rennen. Doch auf der schweren Strecke geht es weniger um Bestzeiten, sondern in erster Linie um den prestigeträchtigen Sieg. Zudem kann das wellige Profil eine Herausforderung darstellen.

Der Kenianer James Kwambai war bei Kilometer 30 noch zusammen mit Meb Keflezighi, dem viermaligen Boston-Sieger Robert K. Cheruiyot (Kenia) sowie Bouramdane Abderrahime (Marokko) an der Spitze des Feldes. Doch bald darauf fiel Kwambai ebenso zurück wie der Marokkaner, der als Fünfter in 2:12:14 das Ziel erreichen sollte. An der Spitze entwickelte sich ein Zweikampf zwischen Cheruiyot und Keflezighi, der rund vier Kilometer vor dem Ziel entschieden wurde. Meb Keflezighi, der bei Olympia 2004 in Athen überraschend die Marathon-Silbermedaille gewonnen hatte, konnte sich vom Kenianer lösen. Kurz zuvor hatte sich der 34-Jährige bekreuzigt und setzte damit ein Zeichen der Trauer. Denn es war an dieser Stelle im Central Park, wo bei den US-Olympia-Ausscheidungen vor zwei Jahren Ryan Shay während des Laufes tot zusammengebrochen war. Shay war ein Trainingspartner von Keflezighi.

Während die Zuschauer angesichts des ersten US-Sieges beim New York-Marathon seit 1982 tobten, deutete Meb Keflezighi auf dem letzten Stück immer wieder auf sein Trikot: Er lief im US-Trikot. „Ich habe es mit stolz getragen, denn ich habe Amerika alles zu verdanken“, sagte Meb Keflezighi, der aus Eritrea stammt und seit 1998 die US-Staatsbürgerschaft besitzt. Nun schrieb der 34-Jährige ein Stück US-Laufgeschichte, indem er zum ersten amerikanischen Sieger des Rennens seit Alberto Salazar wurde. 1982 hatte Salazar in 2:09:29 Stunden den New York-Marathon zum dritten Mal in Folge gewonnen.

Meb Keflezighi, der in New York auch die parallel ausgerichteten US-Männermeisterschaften gewann, verdiente beim ersten Marathonsieg seiner Karriere insgesamt 200.000 Dollar. Auf den letzten Kilometern hatte er noch einen deutlichen Vorsprung auf Robert K. Cheruiyot (2:09:56) herausgelaufen. Dritter wurde Jaouad Gharib (Marokko/2:10:25), auf Rang vier schob sich in der Schlussphase mit Ryan Hall (2:10:36) ein weiterer US-Amerikaner.

Derartu Tulu gewinnt das Frauenrennen. © www.photorun.net
Derartu Tulu gewinnt das Frauenrennen. © www.photorun.net

Im Eliterennen der Frauen, das 30 Minuten vor dem Männerstart begonnen hatte, mussten zwei Favoritinnen frühzeitig einen Rückschlag hinnehmen. Sowohl die aktuelle Boston-Siegerin Salina Kosgei (Kenia) als auch Yuri Kano (Japan) stürzten am ersten Verpflegungspunkt nach 5 km. Kosgei erreichte die Spitzengruppe noch einmal, musste sich aber am Ende mit Rang fünf in 2:31:53 zufrieden geben, Kano wurde Neunte mit 2:39:05.

Nach 1:14:05 Stunden hatte die Spitzengruppe die Halbmarathonmarke erreicht. Vorne rannten neben Derartu Tulu und Salina Kosgei auch Christelle Daunay (Frankreich), Ludmila Petrova (Russland) sowie natürlich Paula Radcliffe. Doch die Britin konnte das Rennen nicht wie sonst üblich deutlich schneller gestalten. Kosgei fiel dann als erste zurück und rund 5 km vor dem Ziel war für Paula Radcliffe der Traum vom vierten New York-Sieg vorbei. Die Marathon-Weltrekordlerin (2:15:25) musste die anderen drei Konkurrentinnen ziehen lassen. Die Französin verlor kurz darauf ebenfalls Kontakt, erzielte aber mit Rang drei in 2:29:16 ein beachtliches Ergebnis. Den Kampf um den Sieg zwischen zwei Routiniers entschied schließlich Derartu Tulu für sich. Die 37-jährige Äthiopierin löste sich auf den letzten beiden Kilometern und erreichte das Ziel in 2:28:52 Stunden mit acht Sekunden Vorsprung vor der 41-jährigen Petrova.

Für Derartu Tulu war es der erste Marathonsieg seit 2001. Damals hatte sie sowohl in London als auch in Tokio triumphiert. 2005 war sie beim WM-Rennen in Helsinki, das Paula Radcliffe gewonnen hatte, Vierte in persönlicher Bestzeit von 2:23:30 Stunden. Im gleichen Jahr belegte sie in New York Rang drei. 130.000 Dollar erhielt die Äthiopierin, die auf weitere Marathonsiege hofft und bis Olympia 2012 weiterlaufen möchte, für ihren Erfolg.

Nach dem enttäuschenden vierten Rang gab die 35-jährige Britin zu, dass ihr Start mit einem gewissen Risiko verbunden gewesen war. Bereits vor zwei Wochen hatte sie im Training ein Problem an der Kniesehne behindert. Nach intensiven Behandlungen hoffte Paula Radcliffe, dass es gut gehen würde. „Ich bin ins Rennen gegangen mit dem Ziel zu gewinnen, aber nach etwa 17,5 Kilometern bekam ich Schmerzen. Am Ende konnte ich kaum noch mein Bein heben“, erklärte die Vorjahressiegerin. Obwohl sie in den letzten Jahren immer wieder Verletzungspech hatte, wollte Paula Radcliffe von einem Karriereende in New York nichts wissen.

Mary Keitany gewinnt auch in Neu-Delhi mit Topzeit

Mary Keitany lief erneut eine Weltklassezeit über die Halbmarathondistanz. © www.photorun.net
Mary Keitany lief erneut eine Weltklassezeit über die Halbmarathondistanz. © www.photorun.net

Die Halbmarathon-Weltmeisterin Mary Keitany bewies am Sonntag in Neu-Delhi einmal mehr, dass sie zurzeit die erfolgreichste Läuferin über diese Distanz ist. Die Kenianerin gewann das Rennen durch Indiens Hauptstadt in 66:54 Minuten und erzielte damit die siebtbeste je von einer Frau gelaufene Zeit.

Im Alleingang war die 27-jährige Keitany bei guten Wetterbedingungen sogar so schnell, dass der Weltrekord von Lornah Kiplagat (Holland/66:25) zeitweilig in greifbare Nähe rückte. Keitany, die bei ihrem WM-Sieg in Birmingham im Oktober 66:36 gelaufen war, hat nun schon dreimal Zeiten unter 67:00 Minuten erreicht. Die folgenden Läuferinnen erzielten ebenfalls sehr gute Resultate beim Airtel Neu-Delhi-Halbmarathon: Die Äthiopierin Wude Ayelew wurde in 67:58 Minuten mit einer Sekunde Vorsprung vor ihrer Landsfrau Aberu Kebde Zweite, Rang vier belegte Mamitu Daska (Äthiopien/68:07). Peninah Arusei (Kenia) wurde Fünfte in 68:30.

Weltklassezeiten gab es auch bei den Männern: Hier setzte sich der Vorjahressieger Deriba Merga (Äthiopien) in 59:54 Minuten erneut durch. Zweiter wurde sein Landsmann Eshetu Wondimu mit 60:02. Er hatte zwei Sekunden Vorsprung auf den Kenianer Wilson Kipsang (60:04). Rahmenwettbewerbe hinzugerechnet starteten in Neu-Delhi rund 29.000 Läufer.