Kenianische Läufer und die Gewalt nach den Wahlen

Von Scott Douglas
© www.tanser.org
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Wenn Laufbegeisterte am Montag beim Boston-Marathon die führenden Athleten bei den Männern vorbeilaufen sehen, werden sie nicht überrascht sein, dass die meisten von ihnen Kenianer sind. Wahrscheinlich erwarten sie sogar genau das. Doch eigentlich müssten sie dies eher für ein Wunder halten nach all den gewalttätigen Unruhen, die sich in Kenia noch vor einigen Monaten infolge der Wahlen abgespielt hatten. Obwohl das Schlimmste überstanden, die Gewalt beendet scheint und die kenianischen Athleten zu ihrem normalen Alltag zurückkehren konnten, werden sich beim Laufen, ebenso wie bei allen anderen Ausdauersportarten, die Auswirkungen der Vorfälle vor einigen Monaten erst später – morgen, nächste Woche und in den kommenden Monaten – zeigen.

Traditionell kehren alle Athleten über Weihnachten nach Hause zurück, sogar diejenigen, die die meiste Zeit des Jahres im Trainingslager in Kenia oder bei Rennen in Übersee verbringen. So waren die meisten kenianischen Läufer zu Hause, als die Unruhen und Demonstrationen kurz nach den Wahlen am 27. Dezember begannen. Im Januar konnten die meisten von ihnen nicht trainieren, da sie während der gewalttätigen Übergriffe um ihr Leben fürchten mussten. So kam Wesley Ngetich, ein Marathonläufer mit einer Bestzeit von 2:12 Stunden, ums Leben während der amtierende Marathon-Weltmeister Luke Kibet mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. James Koskei, der zur KIMbia-Trainingsgruppe gehört, war zum Beispiel zu Hause in Eldoret, wo es zu einigen der schlimmsten Gewalttaten kam. „Das Haus zum Trainieren zu verlassen, war einfach zu gefährlich“, sagt er. Die Antwort auf die Frage, warum Weltklasseläufer möglichen Angreifern nicht einfach davonlaufen konnten, ist, dass viele der gewalttätigen Demonstranten Pfeile hatten, mit denen sie schossen. Ngetich wurde beispielsweise von einem Giftpfeil tödlich getroffen.

Sogar in sicheren Gegenden wie Iten, wo KIMbias Trainingslager liegt, war es Anfang Januar zu gefährlich, zu trainieren, berichtet Timothy Cherigat, der Boston-Marathon-Gewinner von 2004. In anderen Gegenden Kenias traute sich KIMbias Richard Kiplagat zwar gegen Ende Januar wieder zum Training auf die Straße, jedoch nur in unmittelbarer Nähe seines Hauses. „Für lange Ausdauerläufe im Gelände war die Lage nicht sicher genug“, sagt er. „Das hat mein Training sehr beeinträchtigt.“

Das Training in der Gruppe, das ein zentraler Bestandteil des Lauftrainings der Kenianer ist, wurde durch die unsicheren Reisebedingungen ebenfalls stark beeinträchtigt. „Die Aufständischen blockierten die Straßen und wollten wissen, welchem Stamm man angehört“, berichtet Kiplagat. „Oder sie verlangten Geld. Es war sehr gefährlich, sich im Land fortzubewegen, vor allem im Rift Valley.“ In der Folge konnte beispielsweise Koskei bis Februar, und damit Wochen später als erwartet, nicht in das KIMbia-Trainingslager in Iten gelangen – dabei ist das nur eine halbe Stunde von Eldoret entfernt! Ähnlich erging es KIMbias Stephen Kiogora, der ebenfalls nicht von seinem Heimatort Marot nach Iten durchkam. Er verpasste dadurch soviel des anspruchsvollen Trainings, dass er sich entschied, nicht am diesjährigen Boston-Marathon teilzunehmen, bei dem er letztes Jahr Dritter geworden war.

Darüber hinaus gab es noch weitere bedeutende Auswirkungen der Unruhen: Die Athleten konnten nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass sie während des Trainings ihre normale Ernährung bekommen würden. „Die Fabriken, die unser Brot backen, waren zum Beispiel geschlossen“, erzählt Kiplagat. „Zudem blieben viele Geschäfte geschlossen, weil sie wegen der Straßenblockaden keine Lebensmittel bekamen. Und die Lebensmittel, die es gab, waren sehr teuer.“ Cherigat fügt hinzu: „Die meisten Geschäfte in Iten waren während der schlimmsten Zeit geschlossen, das heißt fast den gesamten Januar hindurch. Wir mussten essen, was wir bekommen konnten.“

Hinzu kam die mentale Belastung der Läufer. Meistens reisen KIMbia-Trainer Dieter Hogen und Manager Tom Ratcliffe im Winter ins Trainingslager nach Iten, aber in diesem Jahr war das nicht möglich. „Sonst kamen die beiden jedes Jahr und halfen uns bei unserem Training“, sagt Cherigat. „Sie unterstützen uns moralisch und lösen alle unsere Probleme. Das war diesmal nicht der Fall. Das war viel schwerer.“ Darüber hinaus, so Kiplagat, konnten sie sich, wenn sie trainierten, nicht konzentrieren. „Die Angst lief beim Training immer mit, die ganze Zeit hielt man Ausschau und musste damit rechnen, dass etwas Schreckliches passieren würde.“ Er fügt hinzu, dass viele Menschen, die die Läufer normalerweise unterstützten, ihn nun auf einmal kritisierten. „Sie sagten zu mir, dass ich etwas Falsches tue und dass es oberflächlich sei, ans Laufen zu denken, während all diese Dinge um uns herum geschehen.“

© Peter Vigneron
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Doch was die einen als oberflächlich erachten, finden andere dagegen sehr tiefgründig. Als die schlimmsten Unruhen vorbei waren, kamen viele der kenianischen Top-Läufer für eine Reihe von Friedensläufen in Eldoret und Iten zusammen. Bei einem Lauf in Iten fand vorher ein Friedensmarsch statt, der angeführt wurde von Luke Kibet vom Stamm der Kalenjin sowie dem Marathon-Weltmeister von 1987, Douglas Wakiihuri vom Stamm der Kikuyu. Angehörige dieser beiden Stämme waren die Hauptrivalen und –ziele während der Unruhen. Und dennoch waren da Kibet und Wakiihuri, die jeweils ein Ende der kenianischen Flagge hielten, hunderte von Athleten durch Iten führten und damit die vereinende Kraft des Sportes zeigten. Die Botschaft war eindeutig: Es gibt ein gemeinsames Kenia, denn, so Kiplagat, „wenn einer unserer Läufer gewinnt, sagt er nicht ‚ich habe gewonnen, weil ich Kikuyu bin’ oder ‚ich habe gewonnen, weil ich Kalenjin bin’. Nein. Er sagt: ‚ich habe gewonnen, weil ich Kenianer bin’.”