110. Boston-Marathon am Ostermontag: Vor zehn Jahren gewann Uta Pippig eines der außergewöhnlichsten Marathonrennen aller Zeiten

Boston-Marathon 1996. © Victor Sailer, PhotoRun.net
Boston-Marathon 1996. © Victor Sailer, PhotoRun.net

Wenn heute der 110. BAA Boston-Marathon gestartet wird, ist es genau zehn Jahre her, als eines der dramatischsten und größten Marathonrennen aller Zeiten stattfand. Dabei stand eine Berlinerin im Mittelpunkt: Uta Pippig schaffte im April 1996 beim 100. Boston-Marathon einen bis dahin unerreichten Hattrick. Nachfolgend lesen Sie die Reportage zum 100. BAA Boston-Marathon.

Boston-Marathon 1996: Uta Pippigs dramatisches Comeback beim Jubiläumslauf

Nach einem hochdramatischen Boston-Marathon, der die etwa eineinhalb Millionen Zuschauer am Straßenrand regelrecht in Begeisterungsstürme versetzte, hat Publikumsliebling Uta Pippig zum zweiten Mal in ihrer Karriere ein geschichtsträchtiges Rennen über die klassischen 42,195 Kilometer gewonnen. 1990 siegte sie beim ersten Berlin-Marathon durch Ost und West wenige Tage vor der deutschen Wiedervereinigung, nunmehr gewann sie den 100. Boston-Marathon vor der Kenianerin Tegla Loroupe (2:28:37). Beim bedeutendsten und größten bisher gesehenen Stadtmarathon lief die 30-jährige Athletin der LG SCC Nike Berlin dabei trotz erheblicher Magenprobleme erstklassige 2:27:12 Stunden und erhielt dafür eine Siegprämie in Höhe von 100.000 Dollar. Das gleiche Geld verdiente sich bei den Männern Moses Tanui, der die „kenianischen Meisterschaften“ in 2:09:16 Stunden für sich entschied. Der Kenianer siegte vor gleich vier Landsleuten, und die Athleten aus Afrikas Läufernation belegten sieben Plätze der ersten Acht.

Beim 100. Boston-Marathon erhielten 38.706 Läufer aus 105 Nationen eine Startnummer, von denen 36.264 starteten. Die Rekordzahl von 35.810 Teilnehmern wurde bei Temperaturen von 10 bis 15 Grad Celsius, Sonnenschein und leichtem Gegenwind im Ziel registriert.

Uta könnte möglicherweise in Atlanta ein weiteres Stück Marathongeschichte schreiben, wenn die derzeit beste Läuferin der Welt ihre beeindruckende Erfolgsserie fortsetzen kann. Seit sie 1992 den Berlin-Marathon gewann, ist Uta über die klassischen 42,195 Kilometer ungeschlagen. Sie siegte danach in New York 1993, in Boston 1994 mit dem Strecken- und deutschen Rekord von 2:21:45 Stunden sowie erneut in Boston und Berlin 1995. Bei dem Bostoner Eliterennen hat sie nun das halbe Dutzend vollgemacht. Beim 100-jährigen Jubiläum der Olympischen Spiele wartet die nächste Herausforderung auf Uta.

„Was Uta heute geleistet hat, das ist eigentlich unglaublich. Ich hätte an ihrer Stelle mit diesen Problemen das Rennen auf jeden Fall aufgegeben“, sagte ihr Trainer und Freund Dieter Hogen. Als die meisten der genau 38.706 Läufer im überlasteten Startbereich im Bostoner Vorort Hopkinton noch nicht einmal richtig ins Laufen gekommen waren – es dauerte genau 29 Minuten, bis die Letzten überhaupt erst die Startlinie erreicht hatten! –, da hatte sich Dieter Hogen bereits auf der Rückbank seines Autos verkrochen, mit dem er mehrere Streckenpunkte anfuhr. Nur etwa fünf Kilometer lang konnte Uta mit sehr schnellem Tempo ihren Lauf genießen. 16:02 Minuten wurden für sie gestoppt. Doch dann wurde für Uta das 100. Jubiläum zur Horrorfeier, die erst auf den letzten Kilometern noch eine sensationelle und für Uta triumphale Wende nahm.

Als Uta ihrem Trainer Magenprobleme anzeigte, wussten beide, dass im Normalfall der dritte Boston-Sieg unmöglich geworden war. „Ich hatte mehrfach überlegt, das Rennen vorzeitig zu beenden, denn ich hatte große Schmerzen. Ich denke, wenn es nicht der Boston-Marathon und noch dazu das 100. Jubiläum gewesen wäre, dann hätte ich bestimmt aufgegeben. Es war mein großes Ziel, bei diesem Rennen zu siegen und noch stärker in die Geschichte des Laufes einzugehen. Den 100. Boston-Marathon tatsächlich gewonnen zu haben, das ist etwas ganz Besonderes. Ich habe zum Boston-Marathon eine ganz besondere persönliche Verbindung, denn dies war 1990 mein erstes großes Rennen, nachdem ich die DDR verlassen hatte. Ich habe den Ehrgeiz, in Boston immer besonders gut zu sein. Das ist, als wenn man einen guten Freund besucht und ein Geschenk mitbringt“, erzählte Uta später.

Bei Kilometer 10 stand es noch schlimmer um Uta: Inzwischen hatte sie sogar Menstruationsprobleme und Durchfall. Mit 33:22 Minuten war die Führungsgruppe immer noch sehr schnell unterwegs, sogar im Bereich des Weltrekordes. Doch auf den nächsten Kilometern verlor Uta, die einmal an einer Erfrischungsstation anhalten musste, den Anschluss an die anderen vier Läuferinnen: Kim Jones (USA), Aila Jileawa (Rußland), Nobuko Fujimara und Tegla Loroupe. Trotz der Magenprobleme und Schmerzen gab Uta nicht auf, biss die Zähne zusammen, erholte sich etwas, lief wieder nach vorne und führte bei Kilometer 25 sogar das Feld an. Vor Kilometer 20 (68:11 Minuten) hatte sich an der Spitze einiges getan: Loroupe war zwischenzeitlich zurückgefallen und lief sogar noch hinter Pippig in der zweiten Gruppe. Kim Jones (USA) fiel deutlich ab und stieg später aus und auch Jileawa, Fujimara und die zwischenzeitlich nach vorne gelaufene Kenianerin Salina Chirchir bekamen Probleme.

Für kurze Zeit lief Uta alleine vorne, doch bald kam ein neuer Schock von hinten, denn die 22-jährige kenianische New-York-Marathon-Siegerin Tegla Loroupe schloss auf und ließ Uta alsbald zurück. Bei 30 km führte sie mit einigen Metern in 1:42:54. Bis zu 200 Meter Vorsprung hatte die Kenianerin, die große Teile des Jahres in Deutschland bei ihrem Manager Volker Wagner wohnt, dann nur fünf Kilometer vor dem Ziel. „Niemals hätte ich in dieser Phase des Rennens gedacht, dass ich noch eine Chance haben würde“, sagte Uta und erklärte: „Mir war zum Heulen zumute. Ich habe gedacht: Monatelang habe ich mich auf diesen Höhepunkt vorbereitet – und dann so etwas. Auf den ersten Kilometern hatte ich mich zudem super gefühlt. Ich war in hervorragender Verfassung, habe gar nicht gemerkt, dass ich gelaufen bin und glaube, dass sogar der Weltrekord an diesem Tag unter normalen Umständen kein Problem gewesen wäre. So aber hätte ich nicht für möglich gehalten, dass ich noch gewinnen könnte. Auf der anderen Seite weiß man nie, was bei einem Marathon über 42 Kilometer alles passiert, nicht einmal bei den letzten zwei Kilometern. Aber das ist ja auch gerade das Interessante an diesem Lauf. An den Sieg habe ich natürlich nicht mehr gedacht, statt dessen wollte ich trotz der Probleme so gut wie möglich durchlaufen und vielleicht so dicht wie möglich hinter Tegla Loroupe den zweiten Platz belegen.“

Das Millionenpublikum am Straßenrand hatte den Glauben an Utas Sieg nicht verloren. Mit aller Macht, so schien es, wollten die Amerikaner ihren Publikumsliebling Uta zum dritten Sieg in Folge ins Ziel treiben. Plötzlich wurde Tegla Loroupe müde und bekam muskuläre Probleme. Der Vorsprung schmolz, die Zuschauer am Straßenrand tobten regelrecht. Sie fieberten für Uta und erlebten die spannendste Frauen-Entscheidung in der Geschichte des Boston-Marathons. Die Kenianerin hatte den Sieg schon vor Augen, doch Uta holte Meter um Meter auf. Und es sah so aus, als ob es sogar eine Art Fotofinish geben könnte. Doch Loroupe brach ein und vorbei lief Uta. Als die Berlinerin auf die letzte Gerade einbog, schwappte eine lautstarke Welle der Begeisterung mit ihr ins Ziel. Tegla Loroupe war trotzdem nicht zu enttäuscht: „Ich war letztes Jahr Neunte, jetzt bin ich Zweite. Damit kann ich zufrieden sein.“

„Ich sah eigentlich keine Chance, Tegla Loroupe noch einzuholen, zumal ich in dieser Phase alleine lief und Gegenwind hatte. Es waren keine Läufer in der Nähe, an die ich mich hätte heranhängen können. Dass ich es doch noch schaffte, habe ich auch den Zuschauern zu verdanken. Immer wieder haben sie mich angefeuert und gerufen, ‚lauf Uta, Du kannst sie noch einholen‘. Ich habe mir gedacht: Was erzählt ihr da, die Lücke ist doch viel zu groß. Doch das Publikum gab mir Kraft. Meine Energie kam zurück, und ich flog plötzlich Richtung Ziel“, erzählte Uta, die nach dem unglaublichsten Sieg ihrer Karriere ins Krankenhaus ging, um sich untersuchen zu lassen. „Das war einerseits eine Vorsichtsmaßnahme, um sicher zu sein, dass nichts Ernsthaftes vorliegt. Andererseits wollte ich wissen, auf welche Ursachen die Probleme zurückzuführen sind. Wahrscheinlich war es zu einem nicht geringen Teil der Stress vor dem Rennen. Es ging mir zwar schon sehr bald wieder gut, allerdings dauerte es einige Zeit, bis alle Untersuchungen abgeschlossen waren und die Ergebnisse vorlagen.“