Spielend lernen, die Welt zu verstehen: 205 Schulen suchen ihren Fußball-Weltmeister

© Betty Shepherd
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Der Kulturattaché der Botschafter Ecuadors in Deutschland versteht die hohe Kunst der Diplomatie: Immer freundlich und zurückhaltend sein. Mit einem Lächeln im Gesicht verschoss er jeden Elfmeter. Über die wahre Stärke des mittelamerikanischen Fußballs wird sich die Welt in wenigen Wochen überzeugen können, wenn am 9. Juni die WM in Deutschland beginnt. Beim Auftritt des Diplomaten in einer Potsdamer Schule zählte eine andere Botschaft: „Fair Play for Fair Live“. Das ist das Motto eines Fußballturniers von deutschen Schulen während der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Idee dahinter vereint sportliche, pädagogische, soziale und interkulturelle Aspekte.

Während auf den Kontinenten die Teilnehmer der Fußball-Weltmeisterschaft gesucht worden, wurden insgesamt 205 „WM Schulen“ eine FIFA-Nation zugelost. So vertritt eine Hamburger Schule die Bahamas, eine Berliner Schule Jamaika, die Mittelschule aus Hartenstein die USA. Die 32 besten WM-Schulen werden im Juni in Potsdam beim Finale antreten. Bereits im Herbst 2005 haben alle Teams an den so genannten Kontinentalmeisterschaften“ teilgenommen: Je nachdem welche Nation die Schul-Teams vertraten, reisten sie zur Europameisterschaft, zum African Cup of Nations, zur Copa America oder zum Asia Cup. Während in den großen deutschen Arenen Ronaldinho & Co. auf Torejagd gehen, werden in Potsdam 1000 Mini-Kicker erwartet. Ein „Nationalteam“ besteht aus vier 12- bis 13-jährigen Spielern. Es wird nach den Regeln von „Straßenfußball für Toleranz“ gespielt: Tore der Jungen zählen nur dann, wenn auch ein Mädchen ein Tor erzielt; am Ende eines Matches werden zusätzlich Fairnesspunkte vergeben. Einen Schiedsrichter gibt es beim Streetfootball nicht. Die Spieler sollen lernen, Konflikte selbst zu lösen, erläutert der Vater des Projekts, der Sportwissenschaftler Jürgen Griesbeck. Das Potenzial des Fußballs soll genutzt werden als Trainingsfeld für soziales Talent. Darum bemüht sich der Berliner seit Jahren in verschiedenen Konfliktregionen der Welt, von Argentinien über Bolivien bis Ruanda. Anlass für sein Engagement waren die tödlichen Schüsse auf den kolumbianischen Nationalspieler Andres Escobar, wenige Tage nach dessen Eigentor bei der Fußball-WM 1994. Seither geht es Griesbeck darum, die gesellschaftliche Macht des Fußballs sozialverträglich zu kanalisieren.

Alle 205 teilnehmenden Schulen haben im November 2004 die Patenschaft eines FIFA-Landes übernommen. Die Schüler mögen sich gefragt haben, wo eigentlich Swasiland, Guinea oder Bhutan liegen. Es ist eine Idee des Projektes, nicht nur Fußball zu spielen, sondern sich intensiv mit dem von ihnen vertretenen Land, dessen Gesellschaft, Kultur und Geografie zu beschäftigen. Durch die Auseinandersetzung mit der repräsentierten Nation erfahren die Kinder von Lebensumständen, Gewohnheiten, Traditionen anderer Völker, sie bekommen eine Ahnung von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situationen anderer Länder.

In den drei Tagen im Juni werden sie in Potsdam ihre Länder vorstellen, sie werden sich gegenseitig berichten, ob ihr Land arm oder reich ist, ob es im Krieg oder im Frieden lebt. Durch den Fußball werden die Kinder die Welt erfahren. Die Welt des Fußballs jedoch wird von ihnen auf den Kopf gestellt: Es werden Mannschaften im Finale sein, die auf der wahren Weltkarte des Fußballs Zwerge sind, während die großen Fußballnationen nur Zuschauer sind. Das Eröffnungsspiel bestreiten Südafrika und Kuba.