Vater Erzählt: Schräge Heringe

Von Piet Könnicke

Es heißt so ein Vater-Sohn-Urlaub ist besonders wichtig und prägend. In freier Natur zelten, aus Dosen essen, Lagerfeuer machen, Vater-Sohn-Gespräche führen. Ich fand, für meinen neunjährigen Sohn und mich war es an der Zeit, dies zu tun. Wirklich überzeugend wurde es für meinen Sohn allerdings erst, als ich das Campingabenteuer als Rahmen um einen Besuch des Moviepark legte. Auf der Hinreise einen Stopover auf dem Zeltplatz, dann einen Tag Loopings, Wildwasserbahn und Spongebob in 4D. Und auf der Rückfahrt wieder im Zelt übernachten.

500 Kilometer Autobahn: Mit Truckerromantik hat das nichts zu tun. Selbst in der Raststätte, wenn man ein rustikales Truckermenü verspeist hat, ist es mit der Romantik spätestens dann vorbei, wenn man auf der Toilette Fernfahrer mit Waschtaschen begegnet. Der Zeltplatz, den wir etwa 50 Meilen vor dem Moviepark fanden, lag direkt neben einem kleinen Fluss – und unterhalb der Autobahn. Wir trafen einige bekannte Gesichter aus dem Rastplatz-Waschraum wieder, suchten uns eine etwas abseits gelegene Stelle, an der beschlossen, unser Zelt aufzuschlagen.

Während ich Schlafsäcke, Isomatten und unser Zeit aus dem Auto räumte, testete mein Sohn die Flusstiefe: „Ich kann nicht mehr stehen“, rief er schon nach ein paar Schritten. „Prima“, sagte ich etwas abwesend, da mir das Zeltgestänge äußerst kompliziert erschien. „Sei vorsichtig!“ „Das Wasser ist total warm“, rief er. „Toll!“ „Papa“, rief er, „was ist das da hinten?“ Ich blickte nach oben und sah einen riesigen Schornstein, der weiß-violetten Rauch in den Himmel blies. Unser Zeltplatz lag direkt neben einem Heizkraftwerk. Kein Wunder, dass das Wasser total warm war und man für Heißwasser beim Duschen nicht extra zahlen musste. Natur pur.

Ich finde, dass Kinder beim Aufbauen eines Zeltes einiges lernen können. Geschicklichkeit, Kraft, logisches Denken und Naturgesetze. Zum Beispiel die Sache mit den Heringen: „Man steckt sie schräg in die Erde“, erklärte ich. „Warum?“ „Weil sie so besser halten?“ „Warum?“ „Weil sie dann nicht mehr so leicht rausgehen.“ „Warum?“ „Na sieh‘ doch mal genau hin, dann weißt du warum!“ Nach gut 15 Minuten stand unser Zelt, was keine schlechte Leistung war, wie ich fand. Wir haben das Gestänge gebogen, geschoben und gezogen bis sich die Zeltplane nach oben wölbte und alles so viel Spannung hatte, dass es unmöglich umfallen konnte. Ein mittlerer Kraftakt, würde ich sagen. Zum Mobiliar eines guten Campingplatzes gehört eine Minigolf-Anlage. Unser Zeltplatz hatte eine und wir beschlossen, vor dem Dunkelwerden noch eine Runde zu spielen. Die ersten beiden Bahnen waren leicht, so dass ich erklären konnte, wie man den Golfschläger richtig hält und wie man sich hinstellt. Nicht, dass ich regelmäßig Golf spiele, ehrlich gesagt habe ich es noch nie getan. Aber ich hab’s ein paar Mal im Fernsehen gesehen, außerdem mag ich den Film „Tin Cup“, in dem Kevin Costner Rene Russo erklärt, wie man sich beim Golfspielen richtig hinstellt. Für einen Neunjährigen waren die Schläger jedoch viel zu lang, so dass auch meine besten theoretischen Anweisungen unmöglich praktisch umzusetzen waren. Nach den ersten beiden Bahnen lag ich mit fünf Schlägen weniger als mein Sohn in Führung. Er befand: „Das ist gemein!“ Und ich versuchte ihn zu motivieren: „Ach komm, es sind noch 13 Bahnen, die kann viel passieren.“ Und ob: Die schwierigsten Passagen meisterte mein Sohn äußerst unbekümmert. Während ich überlegte, wo man den Ball mit dem Schläger am besten treffen soll, hielt mein Sohn ohne lang zu überlegen rauf. Unsere Golfbälle wanderten durch kleine Tunnel, passierten Schikanen, kullerten Berge hoch, nahmen überhöhten Kurven und pilgerten durch kleine Höhlen. Am Ende hatte er insgesamt 94 Schläge. Ich brauchte 98.

Die Nacht im Zelt war super und der Moviepark am nächsten Tag auch. Acht Stunden kreuz und quer von einer Achterbahn zur anderen. Es war in dunkelster Dämmerung, als wir auf dem nächsten Zeltplatz ankamen. „Los, wir bauen schnell unser Zelt auf, in neuer Rekordzeit“, ermunterte ich ihn. „Okay,“ sagte er und gähnte. Wir brauchten ein halbe Stunde. Ich hatte die Zeltstangen verwechselt, statt einer langen eine kurze benutzt, so dass das Zelt unmöglich aufzurichten war. Mein Sohn bog, zog und schob nach Kräften – vergeblich und den Tränen nahe. Er war müde. Als wir endlich glücklich im Zelt lagen, trafen wir eine Verabredung: Wenn wir das nächste Mal so spät auf einem Campingplatz ankommen, kann er im Auto bleiben und schlafen und ich baue das Zelt auf. Und für den Abbau ist er verantwortlich. „Ist gut“, meinte er, „nur die Heringe musst du rausziehen,“ meinte er. „Warum?“ „Weil sie so fest drin sind.“ „Warum?“ „Weil zu viel Erde drauf liegt, wenn man sie schräg reinmacht.“