Vater Erzählt: Reden ist Gold

Von Piet Könnicke
© Betty Shepherd
© Betty Shepherd

Vergangenen Sommer hatte uns der Ehrgeiz gepackt. Ich hatte meinen Sohn überzeugt, dass er es am Ende der Ferien schaffen würde, einmal hin und zurück über den See zu schwimmen. Wir übten fast jeden Tag. Immer ein Stück weiter. Ich schätze, insgesamt sind es 700, vielleicht 800 Meter, die man für die Überquerung und den Rückweg schwimmen muss. Nach gut drei Wochen war ich der Meinung, wir sind soweit. „Heute schaffen wir’s“, prophezeite ich. Es dämmerte bereits, als wir zum See kamen. Wir klopften uns auf die Oberschenkel, riefen uns zu: „Auf geht’s!“ und wateten bis zur Brust ins Wasser. Zuversichtlich und siegessicher schwammen wir los und kamen erstaunlich gut voran. Die Mitte des Sees war schnell erreicht.

„Super“, rief ich, „das sieht gut aus.“

Fritz hielt angestrengt den Kopf über Wasser. Nicht weil er Angst hatte, Wasser ins Gesicht zu bekommen, sondern weil er ständig am Erzählen war. Er quasselte in einer Tour.

„Spar dir die Luft, du wirst sie noch brauchen“, ermahnte ich ihn.

Als wir das andere Ufer des Sees erreicht hatten und wendeten, wurde mir klar, warum wir so gut vorangekommen waren. Der Wind hatte uns über den See geschoben. Jetzt wehte er uns ziemlich kräftig entgegen. Ich ahnte, dass der Rückweg um einiges schwerer werden würde, doch behielt ich meine Erkenntnis für mich.

Zwischen acht und zehn Jahren sollen Kinder im besten motorischen Lernalter sein. Also hielt ich es für wichtig, Fritz‘ Haltung zu korrigieren: „Spreiz die Finger nicht so. Schön die Arme lang machen, und die Beine auch. Versuch gerade im Wasser zu liegen.“ Er gab sich Mühe, während ich ihm erklärte, warum die Finger zusammen sein sollen. Er müsse sich die Füße einer Ente vorstellen, sagte ich. „Da kommt auch kein Wasser durch.“ Ich musste an meine Schwimmflügel denken, mit denen ich als Kind schwimmen gelernt habe. Diese aufblasbaren Dinger, von denen niemand sagen kann, warum sie ,Flügel’ heißen. Kein Tier schwimmt mit Flügeln. Man sieht in den Plastikteilen aus wie Popey mit orangem, grünem oder blauem Bizeps, oder wie eine dicke Marktfrau mit kräftigen, fleischigen Oberarmen.

„Weißt du, dass man im Wasser viel weniger wiegt als an Land“, fragte ich meinen Sohn. Ein 70 Kilogramm schwerer Mensch hat im Wasser nur noch ein Gewicht von sechs Kilogramm.

Ich dachte, das würde ihm helfen. Doch nach der Hälfte des Rückwegs hörte ich, was ich befürchtet hatte. „Ich kann nicht mehr“, meinte mein Sohn. „Klar, du schaffst das“, spornte ich ihn an. „Versuch dich abzulenken.“ „Wie denn?“

Die Frage war berechtigt. Wenn man beim Laufen oder Radfahren müde wird, orientiert man sich an Wegmarken: Man hangelt sich von Baum zu Baum, von Laterne zu Laterne, man setzt sich kleine Etappenziele und kämpft sich so Stück für Stück ins Ziel. Auf offener See geht das nicht, da gibt es keine Laternen. Also empfahl ich Fritz: „Denk an was Schönes und erzähl mir davon!“

Vielleicht war es das nasse Element, was ihn animierte, ausgerechnet von „Fluch der Karibik“ zu erzählen. Ich hab die Filmtriologie ja nie verstanden, aber Kinder scheinen darauf völlig abzufahren. Während ich es eine Zumutung finde, auf den nächsten Teil des Films ein ganzes Jahr zu warten, scheint das Kindern nichts auszumachen. Für die ist das wie Weihnachten. Jetzt, in der Mitte des Sees, fragte sich Fritz, warum der Film erst ab 12 Jahren zugelassen ist. „Da passiert ja nichts Schlimmes“, befand er. Klar, bis auf rudernde Untote, Kannibalen und blutiges Gemetzel ist der Streifen völlig harmlos. Wir diskutierten über die Verträglichkeit von „Fluch der Karibik“ für Neunjährige. Während ich aufpasste, es war schon fast dunkel, dass wir auf Kurs blieben, erzählte Fritz begeistert vom etwas tuntigen Captain Jack Sparrow alias Jonny Depp. Mir stand das Wasser bis zum Hals.

„Ich kann schon stehen“, rief er plötzlich. „Wir sind da!“

Ich erklärte ihm, dass es manchmal hilft, sich von einer Anstrengung abzulenken, so dass man sein Ziel erreicht, ohne es zu merken. Die Wirkung dieser Lektion habe ich jetzt vor ein paar Tagen erfahren. Mein Sohn hatte für den Schulschwimmunterricht seine Schwimmsachen vergessen, so dass ich sie ihm zur Schwimmhalle brachte. Ich hatte noch etwas Zeit und beschloss, mir ein paar Minuten des Unterrichts anzuschauen. Ich sah, wie die Kinder nacheinander ins Wasser sprangen und los schwammen. Sie paddelten ordentlich hintereinander ihre Bahnen – außer mein Sohn: Der schwamm neben einem anderen Jungen und erzählte und erzählte. Ich erinnerte mich an einen Beitrag, den ich einmal in der ,Runner’s World’ gelesen hatte. Da liefen in einem Straßenrennen ein paar Kenianer vornweg und zermübten die weißen Läufer, indem sie sich ständig unterhielten. Sie palaverten so viele Kilometer, bis alle Weißen entnervt abreißen ließen. Beim Schwimmen ist diese Taktik schwer umzusetzen. Aber vielleicht entwickelte mein Sohn ja gerade eine neue Erfolgsmethode. Vielleicht führt er seinen Schwimmstil zu solcher Perfektion, dass er allen motorischen und schwimm-stilistischen Regeln zum Trotz in zehn Jahren im olympischen 1500-Meter-Finale als Erster aus dem Wasser steigt, weil er alle anderen müde gequasselt hat. Ich sah bereits die Schlagzeile: „Schweigen ist Silber, Reden ist Gold!“, als ich den Sportlehrer rufen hörte: „Fritz, hör endlich auf zu quatschen!“ Ich wäre ein schlechter Vater, würde nicht sofort mein Beschützerinstinkt einsetzen: Da ruiniert der Sportlehrer doch glatt die olympische Karriere meines Sohnes! Er soll Fritz reden lassen, das gehört zu seinem Training, bat ich den Sportlehrer. Er sah mich fragend an, so dass ich seinen pädagogischen Auftrag erinnerte, auf die individuellen Stärken und Schwächen seiner Schüler einzugehen. Er schien tatsächlich interessiert. Was Fritz denn trainiere, wollte er wissen. Wie ein Musterschüler antwortete ich blitzschnell: Aqua-Talking.