Vater Erzählt: Patriotismus auf der Couch

Von Peter Könnicke
„Formel 1 der Extraklasse!" :-) © Uta Pippig
„Formel 1 der Extraklasse!“ 🙂 © Uta Pippig

Deutsche gelten als super korrekt: Immer pünktlich, immer ordentlich. Ich selbst bin so: Anstatt Sonntag morgens faul im Bett zu bleiben, steh ich wie jeden Tag in der Woche um 7 Uhr auf, mach mir einen Kaffee – und guck Sport. Man hat das Gefühl, etwas zu tun. Quatsch, das mach ich natürlich nicht jeden Sonntag, aber vor ein paar Tagen fand ich mich in genau dieser Haltung vor dem Fernseher, in dem live aus China ein Formel-1-Rennen übertragen wurde. Was meinen Sohn zu so früher Stunde ins Wohnzimmer trieb, weiß ich allerdings nicht. Jedenfalls kam er im Schlafanzug angetrottet, um sich zu mir aufs Sofa zu wälzen.

„Wie steht’s?“, fragte er schlaftrunken. „Guck richtig hin“, antwortete ich, „ist Autorennen und kein Fußball.“ „Ach so: Wer führt?“ „Alonso.“ Mein Sohn richtete sich auf: „Ich mag Alonso nicht. Der ist Konkurrenz.“ Ich fragte, für wen Alonso Konkurrenz sei. „Na für Michael Schumacher.“

Ich hatte bislang keine Ahnung, dass sich mein Sohn überhaupt für Formel 1 interessiert. Doch offenbar hatten die unzähligen Sport-Illustrierten, die inzwischen zum Inventar seines Zimmers gehören, ihn zum fachkundigen Experten gemacht. Immerhin wusste er, dass Fernando Alonso und Michael Schumacher Rivalen sind. Und offenbar kam es in der Illustrierten so rüber, dass Schumacher der Gute und Alonso der Böse ist. Ich holte mir ein paar seiner Zeitungen und war erstaunt, wie viel darin über Formel 1 geschrieben stand. Schon bald wird sich mein Sohn mit seinen 9 Jahren vor mich hinstellen und über die Unterschiede von Michelin- und Bridgestone-Reifen dozieren, mir erklären, wie ein Motor platzen kann und vor allem felsenfest behaupten, dass Michael Schumacher Weltmeister wird. Schließlich steht in einer deutschen Illustrierten geschrieben, dass ein Deutscher gewinnt.

„Zeitungen müssen patriotisch schreiben“, meinte ich, während es auf der Rennstrecke in Shangai zu regnen begann und die Reporter fachsimpelten, wer nun die besten Reifen hätte. „Was ist patriotisch?“, fragte mein Sohn. „Wenn man für sein Land ist.“ „Muss man dazu zur Armee?“

Nun ja, am Sonntagmorgen auf der Couch zu sitzen und für Michael Schumacher zu sein, lässt sich wahrscheinlich weniger als patriotisch beschreiben als die Heldentat eines Soldaten. Dennoch versuchte ich meinem Jungen zu erklären, das Sport viel mit Patriotismus zu tun hat. Ich sagte ihm, dass in den spanischen Zeitungen mit hoher Wahrscheinlichkeit drin steht, dass Schumacher der Erz-Feind von Alonso ist. In Spanien ist Schumacher der Bad Boy, Alonso der Good Guy. Das sei nicht schlimm, sondern überall auf der Welt so. Jede Nation verehre ihre Sportler, in Deutschland mögen wir inzwischen sogar unsere Fußballer.

Ich kann mich noch an die vergangenen Olympischen Spiele in Sydney erinnern. Im Radio übertrugen sie gerade live die Entscheidung im Dressurreiten. Ich war mit dem Auto unterwegs, drehte die Lautstärke hoch und fing konzentriert jede Silbe des Reporters ein. Ich hörte Begriffe, die ich noch nie in meinem Leben gehört hatte, von denen ich nie geahnt hatte, dass sie zum Vokabular der Sport-Sprachschatzes gehören und die ich inzwischen längst wieder vergessen habe. In dem Moment aber wurden die Worte zu Bildern, ich sah ein elegantes Pferd majestätisch über den Parcours schreiten, und ich war so sehr voller patriotischer Gefühle, dass es in meinem Auto nach Pferd zu riechen begann. Am Ende der Schnellstraße, auf der ich unterwegs war, hatten unsere Dressurreiter Olympiagold gewonnen. Ich ballte die Faust und rief: „Yes!“

„Patriotismus ist, wenn man auf das eigene Pferd setzt“, sagte ich meinem Sohn. Er verstand mich nicht. Ich erklärte ihm, dass es nicht verkehrt ist, für die Turner, Fechter, Ruderer oder Tischtennisspieler aus dem eigenen Land zu sein, egal ob man sich für die Sportart interessiert oder nicht. Dass sich so viele Deutsche dafür interessieren, wie die Dallas Mavericks spielen, hat auch etwas mit Patriotismus zu tun: Denn seit der Deutsche Dirk Nowitzki bei den Mavs spielt, wollen Deutsche, dass Dallas gewinnt. Dass in diesem Sommer während der Fußball-Weltmeisterschaft so viele Menschen die deutsche Fahne an ihr Auto geflanscht haben, Kinder in schwarz-rot-goldenen Socken zur Schule gingen, viele zum ersten Mal die eigene Nationalhymne mitgesungen, sich in Autokorsos gedreht und wie irre gehupt haben – das war Patriotismus.

„Ach so“, schien mein Junge endlich zu begreifen, was ich meine. Und während ich kurz in Erinnerungen an den deutsche Sommernachtstraum schwelgte, beklagte er sich: „Schade, dass wir nicht auch mal gehupt haben.“

Tatsächlich: Nach keinem Fußballspiel hatten wir uns ins Auto gesetzt, um hupend durch die Stadt zu kreisen. Doch noch ehe ich Schuldgefühle bekam, beschwichtigte er: „Es ist ja auch nicht erlaubt, einfach so und ohne Grund zu hupen, das verbieten die Verkehrsregeln.“ Mein Junge! Super korrekt: Nur hupen, wenn es die Straßenverkehrsordnung erlaubt. Das ist deutsche Disziplin. Das ist wahrer Patriotismus.