Vater Erzählt: Lektion am Samstagabend

Von Piet Könnicke

Seit einiger Zeit sind unsere Samstagabende fest programmiert. Mein Sohn hat „Smack down“ entdeckt. Die Wrestling-Show läuft samstags um 22 Uhr im Sportkanal, und schon am frühen Vormittag kündigt Fritz selbstbewusst an: „Heute Abend kommt meine Sendung!“ Das klingt wie eine Warnung.

Wrestling ist „cool“ belehrte mich mein Sohn, als ich wissen wollte, was so toll daran sei. „Die Techniken, die die machen … und wie die springen!“ Ich verstehe Wrestling nicht, was vielleicht daran liegen mag, dass ich Europäer bin. Und Deutscher. Der Deutsche braucht Regeln, um zu funktionieren und zu verstehen. Die Regeln beim Wrestling sind mir so fremd wie einer Giraffe Frozen Yogurt. Doch es gibt offenbar Regeln beim Wrestling. Fritz kennt sie. Ich höre ihn begeistert Begriffe wie „Tombstone“ oder „Kickdrop“ rufen, wenn ich mich in meine Verbannung ins Nebenzimmer verzogen habe, wo ich mir anfangs natürlich die Frage stellte, ob hier und jetzt die Rollen richtig besetzt sind und ob es überhaupt richtig ist, ihn Wrestling gucken zu lassen. Viel lernen kann man dabei nicht, denke ich. Und die Uhrzeit ist grenzwertig: Ich fühle mich nicht wirklich wohl dabei, wenn ein Elfjähriger um 22 Uhr halbnackten Männern zuschaut, die aufeinander herumspringen. Aber okay, es ist Samstag. Und zumindest lassen sie in den Werbepausen einen der Kampfkolosse warnen, dass die Ringkämpfe nicht zum Nachahmen geeignet sind. Noch entspannter würde ich mich fühlen, wenn er sagen würde, dass die Wrestler gezwungen werden, diese hautengen Leggins in fragwürdigen Farben zu tragen.

Nun ist es nicht so, dass ich ernsthaft Sorge hätte, mein Sohn würde einmal ein Wrestler werden. Dann hätte ich mich auch sorgen müssen, dass er einmal ein Teletubbi werden will. Oder Spiderman. Oder Sponge Bob. Die fand er auch „cool“. Außerdem hat er nicht die typische Ringerfigur, im Gegenteil: Er ist sehr nach mir geraten. Mich riefen sie früher immer „Skeletti“. Und es gibt an Fritz‘ Schule keinen Wrestling-Kurs, bei dem er mitmachen könnte. Ein gutes Jahr ging er zum Judo, bis er herausgefunden hat, dass Judo definitiv nicht seine Sportart ist. Jetzt geht er nach dem Unterricht in einen Clowns-Workshop und bis vor kurzem nahm er an einem Tanzprojekt teil. Ich finde es mutig, dass mein Sohn sich für das Tanzprojekt entschieden hat, auch wenn es ihm nicht immer leicht fiel. Während das Projekt lief, ging er statt zum Sportunterricht zur Tanzstunde. Er musste sich dann von seinen Freunden anhören, dass Tanzen „uncool“ und nur etwas für Mädchen sei. Sein Erklärungsversuch, dass für ihn Tanzen „eine Mischung aus Theater und Sport“ sei, klang offenbar nicht cool genug: „Ich war kurz davor aufzuhören“, erzählte er mir später. „Warum hast du nicht aufgehört?“ wollte ich wissen. „Weil mein Leben trotzdem cool ist“, meinte er. Vor kurzem waren Eltern ins Theater eingeladen zu einer Aufführung von Tanzstücken, die Kinder in ihren Schultanzprojekten einstudiert hatten. Mein Sohn machte auch mit. Das Thema der Tanzstücke war „Schnee“. Es sollte eine Studie über die verschiedenen Formen von Schnee sein. Es war nicht leicht, die Choreografien der verschiedenen Tanzgruppen als Elemente von Schnee und Eis zu deuten. Bei einigen Vorführungen glaubte ich, Schneeflocken erkannt zu haben. Auch einen Schneesturm glaubte ich zu deuten. Und ich dachte an Schneemänner, als die Kinder sich über die Bühne rollten. Aber für Fritz’ Auftritt fand ich zunächst keine richtige Interpretation. Er kam mit drei anderen Jungen – im gesprungenen Tanzschritt – auf die Bühne. Sie fuchtelten wild mit den Armen, machten grimmige Gesichter, einer der Tänzer ließ sich auf den Boden fallen und die anderen drehten sich im Kreis um ihn herum. Sie sprangen über ihn hinweg und stampften mit den Füßen, schließlich ließen sie ihn liegen und schlichen – durchaus anmutig – davon.

„Was hatte das denn mit Schnee zu tun?“ wollte ich danach wissen. Fritz erklärte mir, dass die Szene einen Jäger darstellen sollte, der sich im Winterwald – immerhin – verirrt hatte, von Kobolden überfallen und schließlich allein zurück gelassen wurde. Ganz klar: Die Jungs hatten einen Kampf inszeniert, Aggressionen vorgespielt, Tritte und Schläge getanzt. Fritz hatte seine samstäglichen Fernseherlebnisse in sein Tanzprojekt übertragen. Die Tanzbewegungen glichen den Szenen eines Ringkampfs, nicht brutal, eher vage, geschmeidig angedeutet. Es war die Light-Version eines Handycap-Matches beim Wrestling, bei dem einer gegen zwei kämpft. Es war Samstagabend. Es war „Smackdown“ und ich saß begeistert in der ersten Reihe und fühlte mich sanft aufs Kreuz gelegt.