Vater Erzählt: Sommerspiele erinnern an Freuden von Kindheit und Freundschaft

Von Piet Könnicke
© Betty Shepherd
© Betty Shepherd

Die Euphorie der Fußballweltmeisterschaft, die derzeit Fans in aller Welt fest im Griff hat, erinnert mich an eine wertvolle Lektion, die ich vor kurzem über Konkurrenzdenken und Freundschaft gelernt habe. Manchmal scheinen Erwachsene zu vergessen, welch unbeschwerte Freude und Kameradschaft wir beim Spielen erfahren können. Umso wichtiger ist es, gelegentlich zu den Wurzeln unserer Kindheit zurückzukehren, um uns auf das zu besinnen, was uns im Leben und im Sport wirklich wichtig ist.

Vor mehr als 20 Jahren verbrachten mein Freund Mark und ich zwei Wochen in Budapest: zelten, baden, Mädchen gucken, in Musikläden shoppen … und Fußball spielen. Wir konnten stundenlang Elfmeter schießen. Mitunter spielten wir dabei so verbissen, dass sich unsere Freundschaft zu einem echten Charaktertest entwickelte. Meistens verlor ich.

Fußballer sind wir nie geworden, aber Freunde geblieben. Mark ist heute Anwalt, ich arbeite als Journalist. Wir haben Hochzeiten erlebt und Trennungen – eigene und die anderer –, wir haben neue Freunde gefunden, gemeinsame verloren. Und wir sind Väter geworden.

Vergangenes Jahr fuhren Mark und ich mit meinem zwölfjährigen Sohn und seiner zwölfjährigen Tochter in den Urlaub – fünf Tage in einem Freizeit-Park mit jeder Menge Outdoor-Aktivitäten, sportlichen Herausforderungen und Mutproben.

Unsere Kinder kennen sich von klein auf und verstehen sich sehr gut. So freuten wir uns alle auf einen gemeinsamen Urlaub voller Spaß, Lachen und – natürlich – sportlicher Aktivitäten.

Der Trip begann vielsprechend. Den Kindern konnte es nicht schnell genug gehen – sie tobten von einer Attraktion zur nächsten. Durch ihren Enthusiasmus fühlten Mark und ich uns, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht. Früher gab es Zeiten, da konnte uns nichts hoch, schnell oder steil genug sein. Als ich jetzt aber gefragt wurde, ob ich der erste sein will, der – an einem Seil gesichert – einen zehn Meter hohen Pfahl raufklettert, sich oben auf das schmale Ende stellt und an ein Trapez springt, lehnte ich dankend ab. Der nächste, der gefragt wurde, war Fritz. Ohne zu zögern kletterte er hoch, überwand nahezu mühelos den letzten, schwierigen Schritt, stand schließlich ohne Scheu auf der gerade einmal tellergroßen Pfahlspitze und hechtete an das Trapez. Elise machte das genauso: locker hoch, rauf und runter. Die beiden kletterten, sprangen und rutschten, als wäre Angst ein Geröllhaufen auf einem unentdeckten Planeten.

Doch mit ihrer kindlichen Unbekümmertheit forderten uns Elise und Fritz auch heraus. Sie machten uns Mut und zogen uns auf. Und so musste natürlich auch ich diesen Pfahl hochklettern – animiert von zwei zwölfjährigen Vorturnern und begleitet von einer Unsicherheit und Angst, die schwer zu erklären war. Es konnte nichts passieren, und dennoch kostete mich der letzte Schritt auf die Pfahlspitze reichlich Überwindung. Als ich es geschafft hatte, fühlte ich mich – ja, glücklich wie ein Kind.

Später glitten die Kinder kopfüber an einem Drahtseil über einen See, schwangen sich in einer Riesenschaukel 60 Meter weit durch die Luft und schafften an der Kletterwand auch die schwierigen Abschnitte. Sie sprachen über Adrenalin, als ginge es um eine Portion Softeis. Sie offenbarten ein beneidenswertes Urvertrauen, dass nichts schief gehen kann und eine unbekümmerte Neugier, wie schwer oder leicht die Dinge sind. Es war schön, Ihnen dabei zuzusehen, und ihre kindliche Energie und Freude erfüllte Mark und mich mit einem tiefen Gefühl von Freundschaft.

Im Laufe unseres Aufenthaltes wurden die Sportarten unserer Wahl jedoch zunehmend traditioneller, und unsere Gefühle von Abenteuer, die wir glückselig miteinander geteilt hatten, wurden weniger. Im Gegensatz zu den verspielten Aktivitäten, die wir bis dahin ausgeübt hatten, zählten nun zunehmend Punktstände, Gewinner und Verlierer. Die Rivalität zwischen dem Vater-Tochter- und dem Vater-Sohn-Team stieg. Tischtennis, Badminton, Wasserball – zwischen Frühstück und Abendbrot duellierten wir uns auf unterschiedlichstem Parkett. Es waren jedes Mal knappe, hart umkämpfte Entscheidungen, die unsere Freundschaft auf die Probe stellten. Mal gewannen Elise und Mark, mal Fritz und ich; der Konkurrenzkampf wuchs – und mit ihm der Erwartungsdruck, unter den wir Väter unsere Kinder und die Kinder uns Väter setzten. Es gab kein Groß und kein Klein. Im Eifer des Gefechts vergaß ich mitunter meine väterliche Gelassenheit gegenüber Fritz, er seinen „Respekt“ gegenüber seinem Vater. Wir stritten und umarmten, wir ärgerten und wir freuten uns – und feierten ausgelassen, wenn wir das jeweils andere Team besiegt hatten.

Fritz und ich waren gut im Tischtennis, aber im Wasserball hatten wir keine Chance. So sehr wir uns auch anstrengten, wir hatten noch kein Spiel gewonnen. Und nun war unser letzter Tag gekommen und damit unsere letzte Chance zum Sieg. In unserem Abschluss-Match kämpften wir wild um jeden Punkt. Wir hechteten durchs Wasser, passten uns den Ball souverän zu und platzierten ihn gemein und unerreichbar im äußersten Eck des Tores. Bis zum letzten entscheidenden Ballwechsel. Beiden Teams fehlte nur ein einziger Punkt zum Sieg. Die Anspannung hatte ihren Höhepunkt erreicht und stellte nicht nur die Freundschaft zwischen den beiden Familien auf die Probe, sondern auch die innerfamiliären Beziehungen zwischen uns Vätern und unseren Kindern. In Fritz‘ Gesicht sah ich volle Konzentration und auch etwas Verzweiflung. Er und Elise sprachen kein Wort mehr, Mark und ich guckten uns herausfordernd wie in alten Zeiten an. Jeder von uns hatte nur eines im Sinn: zu gewinnen. Mark hatte den Ball. Ich musste an unsere Elfmeterschießen der vergangenen Jahre denken – die Niederlagen, unsere hitzigen Wettkämpfe, die manchmal am Fundament unserer Freundschaft kratzten. Ich wusste, dass Fritz und ich wieder einmal auf eine Niederlage zusteuerten. Bis zu diesem magischen Moment: Mark sah mich an, und ich wusste, dass er das Gleiche dachte wie ich. Er schlug den Ball absichtlich ins Aus und verkündete ein Unentschieden. Fritz war erstaunt, beide Kinder guckten uns ungläubig an. Dann begriffen sie, was Mark getan hatte. Mit einem Schlag hatten wir unsere Rollen wieder übernommen: als Freunde, fürsorgliche Eltern und respektvolle Kinder. Alle zusammen wollten wir nur eines: Freundschaft und Kameradschaft, nicht Konkurrenzkampf und Missgunst. Elise schmunzelte, Fritz jubelte. Welch ein Triumph für uns alle!