Laufend zurück ins Leben – Ein außergewöhnliches Charity-Programm für Obdachlose

Von Duncan Larkin

Als ich an jenem Morgen die Stadtmitte von Philadelphia erreichte, um mich dort mit der Gruppe von ‚Back on My Feet‘ um 5:50 Uhr zum Laufen zu treffen, schneite es, die Temperaturen lagen deutlich unter dem Gefrierpunkt und ich dachte bei mir, dass ich wohl der einzige sein werde, der am Treffpunkt erscheint. Doch dann kamen sie, einer nach dem anderen tauchten sie aus den umherwirbelnden Schneeflocken auf – alle sozialen Schichten waren hier vertreten. Mehr als 50 Läufer verließen gemeinsam die Startlinie: College-Studenten, Angestellte und die Gruppe ehemaliger Obdachloser von ‚Back on My Feet‘. Dieser Lauf war für mich eine Lektion über das Leben.

—Take The Magic Step®-Autor Duncan Larkin

 

Anne Mahlum wurde jüngst vom amerikanischen Nachrichtensender CNN zur Heldin des Jahres gekürt. Hier ist sie mit Mitgliedern von ‚Back on My Feet‘ und dem Bürgermeister von Philadelphia (USA), Michael A. Nutter, zu sehen. © Fotos 1-3 wurden von ‚Back on My Feet‘ zur Verfügung gestellt.
Anne Mahlum wurde jüngst vom amerikanischen Nachrichtensender CNN zur Heldin des Jahres gekürt. Hier ist sie mit Mitgliedern von ‚Back on My Feet‘ und dem Bürgermeister von Philadelphia (USA), Michael A. Nutter, zu sehen. © Fotos 1-3 wurden von ‚Back on My Feet‘ zur Verfügung gestellt.

In der Broad Street, mitten in Philadelphia, steht ein altes, baufälliges Gebäude aus dem späten 18. Jahrhundert. Das Haus ist ein Blickfang in der Straße. Verwitterte Sperrholzplatten sind notdürftig über die Türen genagelt, die einst prächtigen Wände bedeckt jetzt schillerndes Graffiti. Unkraut ragt meterhoch aus den zerbrochenen Fenstern. Dieses alte Gebäude wird Divine Lorraine Hotel genannt. Vor langer Zeit waren hier Hunderte von Obdachlosen dieser Stadt untergebracht. Heute dient das alte Hotel nur noch einem Zweck: Es ist der Treffpunkt einer neuen, großartigen Charity-Organisation, die mehr tut als Suppe und warme Decken auszuteilen; die es sich zum Ziel gesetzt hat, über den Laufsport das Selbstwertgefühl der hilfsbedürftigen Menschen aufzubauen und ihnen Lebenskompetenz sowie Optimismus zu vermitteln. Anne Mahlums Hilfsorganisation, ‚Back on My Feet‘, wurde im Juli 2007 ins Leben gerufen. Anne, eine passionierte Marathonläuferin, kam auf ihrer täglichen Laufstrecke immer an denselben obdachlosen Menschen vorbei. „Warum laufe ich eigentlich immer an diesen Leuten vorbei?“ fragte sie sich später. „Ich komme in meinem Leben täglich ein Stück voran und diese Menschen bleiben immer auf ein und demselben Fleck stehen.“

Diese Erkenntnis spornte sie an, selbst aktiv zu werden, und so baute sie Stück für Stück eine Beziehung zu den Obdachlosen auf, an denen sie Tag für Tag vorbei lief. Ihre neuen Freunde waren in der Sunday Breakfast Rescue Mission im Stadtzentrum untergebracht. Eines Tages kam ihr eine Idee: Vielleicht könnte der Laufsport diesen Menschen wirklich helfen? Ihre eigenen zurückliegenden Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit halfen Anne dabei, ihre Medienkontakte wirksam einzusetzen. Sie führte einige Telefonate und konnte ehrenamtliche Helfer zur Mitarbeit gewinnen. Eines Abends wurde schließlich eine Sendung über ihre Arbeit im Fernsehen gezeigt.

Diesen Beitrag haben sozial engagierte Menschen gesehen – wie beispielsweise der Grafik-Designer, der anbot, das Logo und die Website für ‚Back on My Feet‘ kostenlos zu gestalten. „Danach“, so erinnert sich Anne, „begannen die Menschen Lebensmittel und Kleidung zu schicken und sie spendeten auch Geld.“ (‚Back on My Feet‘ erhält keine öffentliche Unterstützung! Die Organisation finanziert sich ausschließlich über private Spenden und die von Unternehmen.) Neben Geld und Kleidern wurden auch Dienstleistungen gespendet. Ein befreundeter Rechtsanwalt vertritt Anne kostenlos. „Das Projekt kam wirklich ins Rollen“, freut sich Anne „und zwar nur durch das Engagement ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer.“ Dank Annes Beharrlichkeit konnte sich bald die erste Laufgruppe von Obdachlosen bilden und es gingen großzügige Spendengelder ein, die den Bedürftigen im wahrsten Sinne des Wortes die Schuhe anzogen.

Anne Mahlum hilft Menschen buchstäblich wieder auf die Füße.
Anne Mahlum hilft Menschen buchstäblich wieder auf die Füße.

Mittlerweile kooperiert ‚Back on My Feet‘ mit fünf Unterkünften, die 54 Mitglieder beherbergen. Insgesamt haben diese 54 bereits erstaunliche 3.000 Meilen (4.828 Kilometer) zurückgelegt! Und so funktioniert es: Zunächst wird das Interesse jedes einzelnen bewertet und ein Gesundheitsscreening durchgeführt, anschließend ist jeder Bewerber gehalten, eine Mitwirkungsverpflichtung und ein Zielpapier zu unterschreiben. Von jedem Mitglied wird erwartet, für mindestens 30 aufeinander folgende Tage in einer Unterkunft zu wohnen, die mit ‚Back on My Feet‘ kooperiert und wenigstens dreimal in der Woche zu laufen. Nach drei bis vier Monaten kontinuierlicher Teilnahme an diesem Wohn- und Laufprogramm, können die Mitglieder sich für Job-Trainingsprogramme anmelden, Ausbildungsbeihilfen in Anspruch nehmen und Unterstützung bei der Wohnungsbeschaffung erhalten.

Doch es ist nicht immer einfach für Anne und ihre ehrenamtlichen Helfer. „Die größte Herausforderung bestand darin, ein Programm aufzubauen, während dessen Umsetzung bereits lief“, sagt Anne. „Es war schwierig herauszufinden, wie unser Programm strukturiert sein müsste, welche Zielsetzung wir verfolgen und was es bedeutet, unser Programm zu absolvieren. Außerdem mussten wir uns darüber klar werden, wie die Zusammenarbeit mit den Anbietern der Unterkünfte aussehen sollte. Was ist zu tun, wenn beispielsweise jemand rausgeschmissen wird und plötzlich keinen Platz zum Schlafen hat, da wir selbst weder Unterkunft noch Essen bieten. In solch einem Fall stecken wir wirklich in der Zwickmühle. Wir müssen dann dafür sorgen, den Betroffenen irgendwo anders unterzubringen, denn wir haben selbst nicht den Platz dafür.“

Trotz dieser Rückschläge, gibt es zahllose Erfolgsgeschichten. Annes Lieblingsgeschichte ist die von Joe. Joe hat fünf Versuche hinter sich, mithilfe von verschiedenen Programmen trocken zu werden – und es hat nie funktioniert. Im November 2007 kam er zu ‚Back on My Feet‘ und nahm neun Monate lang an dem Programm teil. Er erfüllte alle gesetzten Ziele und beantragte eine finanzielle Unterstützung zum Kauf von Werkzeugen, damit er einen Job als Handwerker antreten konnte. Die Werkzeuge waren dafür Einstellungsvoraussetzung. Das Geld wurde genehmigt und Mitglieder von ‚Back on My Feet‘ begleiteten Joe zu Sears, einer großen Einzelhandelskette in den USA, um dort die nötigen Werkzeuge zu kaufen. Er bekam den Job, verließ die Unterkunft und arbeitet heute zeitweise auch für ‚Back on My Feet‘.

Auch über Kenny gibt es eine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Wir begegneten uns an dem Morgen, als ich mit den Mitgliedern der Unterkunft in der Ridge Avenue zum Laufen verabredet war. Jordan, der Koordinator dieser Unterkunft, sagte mir, ich solle um 5:50 Uhr vor dem Divine Lorraine sein. Als ich dort eintraf, kam eine Gruppe afro-amerikanischer Männer, angeführt allerdings von einer Frau mit Strickmütze, zu mir herüber gejoggt. Einige der Männer trugen Pullover mit der Aufschrift „Back on My Feet“. Einer von ihnen hatte Bluejeans an, ein anderer Shorts. Die meisten trugen lange Bärte.

Ich wollte ihnen die Hand geben und mich vorstellen, doch stattdessen haben sie mich umarmt. Umarmungen sind unter den Läufern von ‚Back on My Feet‘ gang und gäbe. Während wir einander begrüßten, traf eine Gruppe von 30 jungen Frauen ein, die Sweatshirts mit der Aufschrift „Drexel Crew“ trugen. Zum Schluss kamen noch Kadetten des ROTC (dt. etwa Reserveoffizier-Ausbildungskorps) mit sehr kurz geschorenen Haaren um die Ecke des alten Hotels.

Wir waren wirklich ein bunt zusammengewürfelter Haufen.

Mitglieder von ‚Back on My Feet‘ beten vor ihrem  Lauf.
Mitglieder von ‚Back on My Feet‘ beten vor ihrem Lauf.

Jeder in der Gruppe legte seine Arme um die Schultern der Nebenstehenden und Jordan stimmte Reinhold Niebuhrs bekanntes Gelassenheitsgebet an – das Gebet, das bei den Anonymen Alkoholikern und anderen 12-Stufen-Programmen gesprochen wird:

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Am Ende des Gebetes stießen einige Männer einen Schrei aus und klatschten aufgeregt in die Hände. Vorbeifahrende Lieferwagen hupten uns zu. Die Männer reagierten zum Gruß mit hoch gestreckten Daumen – alle waren unglaublich enthusiastisch.

An diesem Morgen waren zwei Meilen (3,22 km) geplant: eine kurze Laufrunde westlich der Broad Street. Kurz nachdem ich losgelaufen war, erblickte mich ein Mitglied von ‚Back on My Feet‘ und gesellte sich zu mir. Es war Kenny. Er trug ein blaues Flanellhemd unter dem offiziellen Sweatshirt von ‚Back on My Feet‘. Während wir durch die ruhigen, mit Schnee bedeckten Straßen liefen, erzählte Kenny mir aus seinem Leben: Wie er in einer zerrütteten Familie aufwuchs und die High-School im benachbarten Montgomery County geschmissen hat. „Dort habe ich sogar American Football gespielt“, erinnert er sich stolz. Nachdem Kenny die Schule abgebrochen hatte, fing er an zu trinken und Drogen zu nehmen. Er geriet an die falschen Leute und ehe er wusste wie ihm geschah, war sein Leben ruiniert. Er hatte kein Zuhause, kein Geld und niemanden, der ihn liebte. „Ich war so gut wie tot“, sagte er kopfschüttelnd. Dann klatschte er plötzlich in seine Hände und rief: „Doch das Laufen hat mich geheilt!“

Nach der Hälfte der Strecke fragte ich Kenny, was er denn über die so gänzlich unterschiedlichen Gruppen denkt, die an diesem Morgen zusammen laufen – über die Frauen der „Drexel Crew“ und die Kadetten des ROTC mit ihren kurz geschorenen Haaren.

Er drehte sich um und schaute nach hinten, dann erschien ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. „Ist das nicht phantastisch?“, sagte er. „Ich meine, ist das nicht wirklich phantastisch? Hier prallen Kulturen aufeinander – ich meine, das ist ein wirkliches Aufeinanderprallen! Bum! Genau das ist es. Wie oft sieht man sonst Leute wie mich neben einer Gruppe von 20-jährigen College-Mädels rennen und das morgens um fünf Uhr? Das ist doch wie in der Bibel, Mann. Hast du die Bibel schon mal gelesen?“

Ich nickte.

„Es ist wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Hier treffen all diese Gruppen zusammen, die normalerweise nicht zusammen kommen – Leute, die sich sogar tunlichst aus dem Wege gehen: die Samariter und die Israeliten. Doch wenn wirklich etwas Gutes im Gange ist, wenn jemand Menschen etwas Gutes tut, die er sonst meidet – wenn du es schaffst, dass sie alle zusammen laufen, dann erreichst du Einigkeit!“

Das gemeinsame Laufen vermittelte Kenny das Gefühl einer Art Einigkeit; das Gefühl, dass andere Menschen hinter ihm stehen – das gab ihm das nötige Selbstvertrauen, konkrete Veränderungen vorzunehmen. Heute weiß er mit einem Konto umzugehen und – hier kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen – er kann die Meile in weniger als sieben Minuten rennen: Die schnellste Zeit, die an der Unterkunft in der Ridge Avenue je gestoppt wurde.

Wir bogen nach rechts in die Broad Street ein. Direkt vor uns erhob sich die heruntergekommene Herberge, das alte Symbol fehlgeleiteter Fürsorge. Vierhundert Meter vor dem Ziel erhöhte Kenny das Tempo. Stolz wollte er sein Können beim Endspurt zeigen.

„Los komm. Komm schon. Keine Müdigkeit vorschützen!“, rief er. Schweiß rann über sein Gesicht; sein Atem formte sich zu Wolken.

Ich zog mit. Unsere Schritte wurden länger. Kuppelförmige Straßenlampen warfen ihr bernsteinfarbenes Licht auf uns, während wir ächzend und stöhnend zur Ziellinie liefen, die Kenny knapp vor mir erreichte.

„Keine Verlierer, es gibt keine Verlierer“, sagte er und klopfte mir auf den Rücken.

Hinter uns kamen die Drexel-Mädels ins Ziel. Eine von ihnen war über ein Hindernis in der Straße gestolpert. Sie setzte sich auf die Stufen, die zu dem verbarrikadierten Eingang des Lorraine Divine führten. Ein Mitglied von ‚Back on My Feet‘ sah die Verletzung und lief zu der jungen Frau. Er fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Sie sagte ihm, sie sei okay – das Ganze sei ihr nur ein bisschen peinlich, das ist alles – keine Sorge.

„Ich hole dir einen Verband – es sieht so aus, als könntest du einen brauchen“, sagte er. Wie der Blitz rannte er zur Unterkunft. Kenny schaute mich an „Siehst du, was ich meine? Ein Aufeinanderprallen von Kulturen!“ Und er klatschte in die Hände.

Anne Mahlums Traum, obdachlosen Menschen über das Laufen Selbstverantwortung zu vermitteln und die Fähigkeit Vertrauen aufzubauen, ist wahr geworden. Sollten Sie einmal nach Philadelphia kommen, schauen Sie doch vorbei, morgens um 5:50 Uhr am Hotel Divine Lorraine, und laufen Sie eine Runde mit ‚Back on My Feet‘. Der unschätzbare Wert dieser Erfahrung wird Sie Ihr Leben lang begleiten.