Weisheit eines Marathonläufers: Ein Interview mit Roger Low

Von Andy Edwards

Roger Low ist Amerikaner, lebt seit mehr als 25 Jahren in London und ist im internationalen Bankgeschäft tätig. Seit dem ersten London-Marathon im Jahr 1981 nahm er an jedem Lauf teil und hat während dieser Zeit eine unverwechselbare Methode entwickelt, sich auf den Marathon vorzubereiten. Der Schlüssel für seinen Erfolg, so Roger Low, liegt in den langen Trainingseinheiten. Sein Interesse gilt fast ausschließlich dem Marathon. Mit anderen, kürzeren Läufen, befasst er sich kaum. Mit dieser Methode hat er eine Marathonbestzeit von 2:33 Stunden erreicht und selbst heute – mit 63 Jahren – läuft er die Strecke immer noch beständig in Zeiten um 3:40 Stunden. Bei einer Größe von über 1,80 Meter scheint sich seine Konstitution während der letzten 25 Jahre kein bisschen verändert zu haben – einer von vielen Hinweisen darauf (weitere folgen im Interview), dass Roger Low mit außergewöhnlichen Genen gesegnet ist.

TTMS: Sie haben mir einige interessante Dinge darüber erzählt, wie alles angefangen hat – über Ihre Erfahrungen beim amerikanischen Militär und wie Sie gerade dort feststellten, dass Sie ein guter Läufer sind.

Roger Low: Als Kinder liefen wir in der Schule 100 Meter, und ich war immer der Letzte, weil ich mich für den Laufsport absolut nicht begeistern konnte. Aber als ich bei der amerikanischen Marine war, mussten wir während der Übungen lange Märsche absolvieren. Das hat mir überhaupt keine Probleme bereitet, ich fand es nur etwas langweilig mit all den anderen im Pulk zu laufen. Also habe ich mich freiwillig als Träger für die Krankentragen gemeldet, und so musste ich nicht mehr mit den anderen in der Aufstellung marschieren, sondern konnte neben der Truppe herlaufen. Hin und wieder mussten wir anhalten, um jemandem aufzuhelfen, der gestürzt war, und anschließend mussten wir wieder zum Rest der Gruppe aufschließen. Dabei wurde mir bewusst, dass ich Ausdauer hatte. Also begann ich alleine zu laufen und als ich aus der Marine ausgeschieden war, habe ich mein Lauftraining fortgeführt. Nach und nach habe ich die Laufstrecke immer weiter verlängert. Anfangs waren es vielleicht drei Meilen, es sind dann aber immer mehr geworden. Ich habe damals natürlich nicht an einen Marathon gedacht, das Ganze geschah aus reinen Trainingszwecken.

Natürlich wussten Sie, dass Sie Talent hatten. Wann haben Sie zum ersten Mal an einem Wettkampf teilgenommen?

Nachdem wir nach Großbritannien gezogen waren, bin ich hier weiter gelaufen – wieder alleine. Ich glaube es war 1980, ich bin alleine durch Hampstead Heath [Anmerkung: Ein bekanntes, wunderschönes Park- und Waldgebiet im Norden Londons gelegen, mit einem Leichtathletik-Stadion, in dem verschiedene Leichtathletik-Vereine beheimatet sind, einschließlich den Highgate Harriers] gelaufen, als mich eine Gruppe von Leuten überholte und mich einlud, mit ihnen zusammen zu laufen – bis heute renne ich mit ihnen zusammen. Meinen ersten Marathon bin ich im Herbst 1980 gelaufen, und kurz darauf, im Frühjahr 1981, feierte der London-Marathon seine Premiere. Seitdem habe ich an jedem London-Marathon teilgenommen.

Als Sie den London Marathon 1981 zum ersten Mal erlebt haben, waren Sie über sich selbst überrascht? Und hatten Sie anschließend das Gefühl, dass Sie noch schneller laufen könnten?

Leider kann ich mich nicht mehr an alle Zeiten in allen Rennen erinnern! Aber ich glaube, meinen ersten Marathon lief ich im Herbst 1980 in etwa 3:20 Stunden, und ich meine, beim ersten London-Marathon lag ich unter drei Stunden. Ich dachte: ,Mensch, da könnte was draus werden.’ Damals ist mir klar geworden: Wenn ich das weiter vorantreibe, könnte ich auch für einen Vereinsläufer ganz passable Zeiten erreichen.

Wann sind Sie Ihre Bestzeit beim London-Marathon gelaufen?

Das war wahrscheinlich 1983 oder `84, da bin ich den Marathon in 2:33 Stunden gelaufen.

War die Trainingsgruppe bei den Highgate Harriers wirklich so groß? Ich habe von Ihnen und auch von anderen gehört, dass die Gruppen aus bis zu 100 Läufern bestanden haben sollen.

Die Mannschaft, mit der ich trainiert habe, konzentrierte sich auf das Laufen langer Strecken – 100 Läufer sind vielleicht etwas übertrieben, aber es gab tatsächlich eine Zeit, als Marathon eine Modeerscheinung war und jedes zweite Wochenende ein Lauf stattfand. Man konnte damals auch Profit daraus schlagen: Mit dem Ausrichten und Organisieren eines Marathons konnte man sich schon ein paar hundert Dollar oder Pfund verdienen. Und in diesen „trendigen“ Zeiten war es durchaus möglich, dass eine Menge Leute am Parliament Hill in Hampstead losliefen. Einige von ihnen haben den Lauf dann mittendrin abgebrochen – nun, vielleicht nicht abgebrochen, aber sie haben daraus einen 15-Kilometer-Lauf gemacht, andere einen 30-Kilometer-Lauf, und wir sind eben fast 50 Kilometer gelaufen.

Wie viele Ihrer Trainingspartner sind heute noch dabei?

Abgesehen von mir selbst, ist von dieser Mannschaft nur noch David [Vereinsmitglied der Highgate Harriers, im selben Alter wie Roger Low und mit ähnlichen persönlichen Marathon-Bestzeiten] als Läufer aktiv. Er läuft immer noch, um sich fit zu halten. Wenn Bob [ebenfalls einer der stärksten Läufer der Highgate Harriers während der 80er Jahre, mit ähnlichen Marathon-Erfolgen] nicht gezwungen gewesen wäre, wegen seiner Herzprobleme das Laufen aufzugeben, dann wäre auch er heute noch dabei. Die meisten anderen mussten aufgrund von Verletzungen das Laufen aufgeben. Ich bin bis jetzt verschont geblieben, deshalb bin ich weiter dabei.

Wie haben Sie es geschafft, Ihre Motivation für das Laufen über so viele Jahre aufrecht zu erhalten?

Meine Motivation besteht darin, dass ich gerne viel und gut esse und trinke – und das möchte ich auch weiterhin tun. Das Laufen hilft mir dabei. Das ist alles! [Anmerkung von TTMS: Bitte versuchen Sie das nicht zu Hause! Lesen Sie dazu besser erst unsere Artikel im Bereich ‘Ernährung’.] Ich hatte bis jetzt noch keine Verletzungen, die mich gezwungen hätten, das Laufen aufzugeben, und so mache ich eben weiter. Ich setze mir immer noch Ziele, aber ich laufe heute natürlich nicht mehr so schnell.

Sie müssen eine hervorragende Biomechanik besitzen, um immer noch in der Lage zu sein, Langstrecken zu laufen und selbst in Ihrem Alter noch ganz respektable Marathonzeiten zu erzielen. Sind die langen Trainingsläufe die Basis dafür?

Ja, ich glaube schon. Und natürlich ist auch immer eine Portion Glück dabei, dass mein Körper noch heil ist. Aber ich hatte bis jetzt immer das Gefühl, wenn es mir bei dem Gedanken, weiter als 42 Kilometer zu laufen, mental gut geht, dann erscheinen mir die 42 Kilometer selbst psychologisch gesehen ganz einfach. So habe ich das in der Vergangenheit immer gehalten, zumindest während der Vorbereitung auf einen Marathon. Ich absolviere Trainingsstrecken von mehr als 42 Kilometern, damit der Marathon mir anschließend wie ein Kinderspiel erscheint.

Sind Sie, bevor Sie Ihre Marathon-Bestzeit gelaufen sind, auch kürzere Straßenläufe gerannt? Das ist der orthodoxe Ansatz, nicht wahr? Kürzere Rennen, um sich für den Marathon so richtig in Form zu bringen.

Einmal bin ich einen Halbmarathon gelaufen – ist das ein kurzer Straßenlauf? Ich hatte das Gefühl, dafür lohne es sich nicht einmal die Wettkampfschuhe anzuziehen. Es sei denn, es wäre für ein richtiges Rennen gewesen, aber ein echtes Rennen geht für mich über 42 Kilometer. [Anmerkung: Roger hat mir erzählt, dass seine Halbmarathon-Bestzeit bei 1:12 Stunden steht, aber das war die Zwischenzeit während eines Marathons. Ohne Frage hätte seine Halbmarathon-Bestzeit während seiner Glanzzeit unter 1:10 Stunden liegen können – ein weiterer Hinweis auf seine beeindruckende Leistungsfähigkeit.]

Und jetzt? Laufen Sie immer noch die langen Strecken, um sich auf den diesjährigen London-Marathon vorzubereiten?

Ja, das tue ich. Mit einem Unterschied: Vor ein paar Jahren hätte ich für die Distanz, die ich heute in vier Stunden laufe, drei Stunden benötigt. Für genau denselben Lauf!

Wie sieht Ihre Trainingsroutine aus? Ich habe mit anderen, ebenfalls reifen Läufern, gesprochen und einige haben mir erzählt, dass sie heute weniger Trainingseinheiten laufen als vor 25 Jahren. Andere laufen immer noch die selben Trainingseinheiten und wiederum andere haben verschiedene Trainingsarten in ihr Programm aufgenommen. Wie sieht Ihr derzeitiges Training aus?

Es ist schwieriger geworden, und ich fühle mich hinterher viel müder, aber ich versuche einfach das zu tun, was ich vorher auch getan habe. Ich habe einen ungewöhnlichen Wochenplan: Jeden Montagmorgen fahre ich mit meinem Motorrad zur Arbeit und laufe am Abend nach Hause. Am Dienstagmorgen laufe ich zur Arbeit und fahre am Abend mit meinem Motorrad wieder nach Hause, etc. [Anmerkung: Für diesen Lauf benötigt er durchschnittlich 1:20 Stunden, wenn er die volle Distanz von 16 Kilometern läuft. Ist er morgens einmal spät dran, reduziert er die Strecke auf 13 Kilometer. Grob gerechnet läuft er so bereits an den Wochentagen eine Strecke von insgesamt etwa 80 Kilometern und das vor der großen Anstrengung, die am Sonntag auf ihn wartet.] So versuche ich, jeden Tag eine bestimmte Strecke zu laufen. Der Samstag ist schon immer mein freier Tag gewesen, nicht weil ich das Gefühl hatte, es zu brauchen. Nein, an diesem Tag habe ich einfach andere Dinge zu tun. Und mein Sonntag, der gehört dem Langstreckenlauf. Der Unterschied besteht darin, wie ich bereits erwähnt habe, dass ich heute zwar immer noch dieselbe Distanz laufe, dafür aber einfach länger brauche. Hinterher gehe ich dann nicht mehr in den Garten, um das Unkraut zu jäten, sondern ich lege mich aufs Ohr und halte ein Nickerchen!

Ich glaube, so ein Nickerchen tut uns allen gut. Insbesondere für einen Läufer kann der Gedanke an einen Marathon schon beängstigend sein. Haben Sie den Eindruck, dass der Dienst bei der U.S.-Marine Sie dauerhaft mental gestärkt hat? Glauben Sie, dass mentale Stärke ausschlaggebend dafür war, den Marathon in 2:33 Stunden zu laufen und auch heute noch ein aktiver Läufer zu sein?

Ich denke schon, dass mentale Stärke wichtig ist. Ein kleines Beispiel: Während der letzten Tage war es doch ein bisschen kühl in London und da musst du mental einfach stark sein und dir sagen: ,Ich ziehe jetzt meine Laufschuhe an, gehe raus und laufe 13, 15 oder 16 Kilometer.’ Das ist der schwierige Teil. Hast du erst einmal deine Laufschuhe angezogen und stehst vor der Tür, dann läufst du fast wie von selbst.

Sie haben seit 1981 an jedem London-Marathon teilgenommen, welchen Plan haben Sie? Haben Sie vor, den London-Marathon so lange zu laufen, wie es Ihnen möglich ist?

Ja, ich glaube schon. Wahrscheinlich werde ich so lange laufen, bis ich auseinander falle oder so langsam werde, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, zu laufen. Außerdem denke ich mir: „Warum soll ich mir darüber jetzt Gedanken machen?“

Es ist noch nicht lange her, da sind Sie den Abingdon-Marathon in Oxfordshire – etwas außerhalb von London – in etwa 3:40 Stunden gelaufen. Heißt das, dass Sie mit dieser Zeit oder auch mit 4:00 Stunden zufrieden sind, aber wenn 5:00 Stunden daraus werden, Sie keinen Marathon mehr laufen wollen?

Vielleicht ändere ich diese Einstellung auch wieder. Im Moment scheint es mir sinnvoll, zu sagen: ,Nun, wenn ich nicht mehr unter 4:00 Stunden laufen kann, könnte ich auch aufgeben.’ Aber ich könnte mich korrigieren und sagen: ,Erst wenn ich nicht mehr unter 5:00 oder sogar unter 6:00 Stunden laufen kann, höre ich auf.’ Es gibt einige Menschen, die in ihren 70ern oder 80ern noch sehr beachtliche Zeiten gelaufen sind. Ich bin jetzt 63, und es wird immer jemanden geben, gegen den ich zum Wettkampf antreten kann. Dieser Wettkampfgedanke verliert aber mehr und mehr an Bedeutung. Man hat ja auch noch etwas anderes im Leben. Die Konkurrenz gegenüber anderen Läufern nimmt zwar ab, aber dafür konkurrierst du stärker mit dir selbst: Du achtest darauf, nicht zu weit hinter die Zeit des letzten Laufs zu rutschen, sondern sie hoffentlich zu verbessern – du konzentrierst dich auf Zeiten, die in Relation zu deinen gleichaltrigen Mitstreitern liegen und nicht auf die Zeiten der jungen Vereinsläufer. Und du musst dich stets daran erinnern, dass du immer noch einen großen Teil der Läufer im Feld schlägst, bei jedem Rennen und unabhängig von ihrem Alter.

Haben Sie mit zunehmendem Alter mehr auf Ihre Ernährung geachtet? Ich meine nicht so sehr in Bezug auf Ihr Körpergewicht, sondern eher aus gesundheitlichen Gründen und als Unterstützung, um sich schneller vom Training zu erholen.

Ich esse keine Eier und achte seit 20 Jahren auf eine cholesterinarme Ernährung. Meine Frau verwendet zum Kochen keine Butter, aber das ist auch schon alles.

Versuchen Sie Menschen in Ihrem Alter, die viel sitzen, vom Nutzen der Fitness zu überzeugen? Was halten Kollegen von Ihrer Hingabe zum Laufsport?

Nichts Besonderes. Meine Arbeitskollegen wissen, dass ich Läufer bin, weil sie mich in meinen verschwitzten Laufsachen sehen, wenn ich zur Arbeit komme. Aber ich glaube nicht, dass einer von Ihnen mit dem Laufen oder gar dem Marathon angefangen hat, nur weil er mich dabei sieht.

Wie steht es mit jüngeren Menschen in Ihrer Verwandtschaft?

Der einzige Mensch, der vielleicht davon beeinflusst worden ist, ist meine Tochter. Sie ist jetzt 31 und hat mit dem Laufen angefangen, nicht als Wettkampf, sondern für ihre Fitness. Sie war schon immer sehr aktiv und hat eine ganze Reihe verschiedener Sportarten und Outdoor-Aktivitäten betrieben.

Ihr Vater hat erst kürzlich einen großen Geburtstag gefeiert – er wurde 90. Denken Sie manchmal, „es liegen noch viele Jahre vor mir“?

Mein Vater war nie sportlich aktiv. Aber als er älter wurde, fing er an, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen und auf dem Laufband zu laufen. Er hat sich bei mir darüber beklagt, dass er mit 90 in derselben Zeit, die er auf dem Laufband verbringt, jetzt weniger Kilometer zurücklegt, als vorher. Dann sage ich ihm: „Dad, ich bin um so vieles jünger als du und ich habe genau das gleiche Problem.“