Haile Gebrselassie: „Laufen gibt dir viel zurück“

Von Jörg Wenig
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Haile Gebrselassie zählt neben dem Finnen Paavo Nurmi, dem Tschechen Emil Zatopek und vielleicht noch seinem Landsmann Kenenisa Bekele zu den größten Läufern aller Zeiten. Der 36-jährige Äthiopier hat in seiner einzigartigen Karriere bisher 20 Weltrekorde und sieben inoffizielle Weltbestmarken aufgestellt. Zweimal war Haile Gebrselassie Olympiasieger über 10.000 m, viermal wurde er Weltmeister über diese Distanz. Im Marathon lief er 2008 in Berlin als erster Athlet unter 2:04 Stunden. Seine Zeit von 2:03:59 ist nach wie vor der aktuelle Weltrekord. Das Interview wurde für Take The Magic Step® im Rahmen des Dubai-Marathons aufgezeichnet.

Sie haben so viele Erfolge und große Anerkennung mit ihrem Laufen erreicht. Was bringt ihnen das Laufen noch?

Haile Gebrselassie: Ich habe neben dem Sport verschiedene Unternehmen in Äthiopien aufgebaut. Das bedeutet auch viel Stress. Aber wenn ich dann 30 Minuten laufe, ist alles wieder im Lot. Man gewinnt mental durch das Laufen; es ist, als ob dein Geist gereinigt wird. Nach dem Laufen fühle ich mich besser und kann dann auch effektiver arbeiten.

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Im Rahmen des Dubai-Marathons haben Sie vor kurzem sehr aktiv Menschen aufgefordert, mit dem Laufsport zu beginnen.

Haile: Ja, man sollte am Tag 30 bis 40 Minuten joggen. Das ist wichtig. Viele fragen mich, ,Warum sollte ich mit dem Laufen beginnen?‘. Ich sage dann, es kostet dich nicht viel zu laufen, aber du bekommst sehr viel zurück. In einem Jahr wirst du den Unterschied sehen. Unsere Welt hat heute viele Probleme – Stress, ungesunder Lebensstil, Klimawandel, wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Laufen einem sehr dabei helfen kann, derartige Probleme besser durchzustehen. Ich hätte selbst betroffen sein können, aber ich habe mich dazu entschlossen, zu laufen und bin gesund und fit.

Gibt es Momente, in denen Sie sich sagen, ,eigentlich habe ich heute keine Lust zum Training‘?

Haile: Nein, nie. Ich kann nur alle auffordern, mit dem Laufen zu beginnen – ganz egal wie schnell oder langsam oder wie lange man rennt. Wenn immer mehr Menschen mit dem Laufen beginnen, werden sie wiederum weitere motivieren, es ihnen nachzumachen. Wer in einem Jahr Marathon laufen möchte, sollte morgen mit dem Training beginnen und gesund leben.

Wer hat Sie zum Laufen motiviert?

Haile: Mein Vorbild war Miruts Yifter [Olympiasieger in Moskau über 5.000 und 10.000 m, Anm. d. Red.]. Als er bei den Olympischen Spielen 1980 gewann, habe ich von ihm geträumt. Ich wollte so werden wie er. In der Zeit 1987/’88 bekam ich dann die Chance, mit der Leichtathletik anzufangen.

Wie motivieren Sie sich für das harte Training nach den vielen Erfolgen?

Haile: Ich will mich einfach immer weiter verbessern. Wenn es das Ziel, schneller zu laufen, nicht mehr gäbe, dann wäre es schwer im Training. Ich schaue mir immer an, was ich vor meinem letzten Weltrekordrennen gemacht habe und überlege dann, was ich in der nächsten Vorbereitung anders machen kann – zum Beispiel etwas mehr Geschwindigkeit oder mehr Ausdauer in das Training einbauen. Vor dem Marathon in Dubai wusste ich, dass es warm werden könnte. Also habe ich mehr in wärmeren Temperaturen trainiert.

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Was ist für Sie noch möglich im Marathon?

Haile: Ich bin sicher, dass ich 2:03:30 Stunden im Marathon erreichen kann, allerdings muss dafür alles perfekt zusammenpassen. Vielleicht sind sogar 2:03:00 möglich, aber das ist schwer zu sagen. 2008 gab es beim Dubai-Marathon so einen Tag und ich ärgere mich heute noch darüber, dass ich damals den Rekord verpasste, weil wir im ersten Teil des Rennens etwas zu schnell angegangen sind. Für mich sind die beiden besten Marathonstrecken die in Berlin und Dubai. Hier kannst du dein eigenes Rennen laufen. Manche Leute sagen, ich jage nur Rekorde – aber wo ist das Problem? Das ist das, was ich machen möchte! In Berlin haben sie im vergangenen Jahr mit Duncan Kibet den nach mir zweitschnellsten Marathonläufer der Welt ins Rennen genommen. Ich habe gesagt, ,Ja, lasst ihn laufen‘. Denn dadurch war ich noch konzentrierter.

Ist ein erfolgreicher olympischer Marathon in London 2012 nach wie vor Ihr Ziel?

Haile: Ja, 2012 möchte ich in London bei den Olympischen Spielen Marathon laufen. Die Konkurrenz wird natürlich von Jahr zu Jahr immer stärker. Deswegen bin ich darauf bedacht, meine Form zu halten und sie bis 2012 sozusagen zu konservieren, um dann topfit zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich nicht mehr als zweimal pro Jahr einen Marathon laufen. Einige Athleten haben bestimmte Ziele, wo und wann sie zurücktreten wollen. Ich glaube, wenn du dir ein solches Ziel ausgesucht hast, bist du in diesem Augenblick praktisch schon zurückgetreten.

Welche fünf Rennen sind Ihre Lieblingsläufe?

Haile: Der Berlin-Marathon gehört natürlich dazu, denn ich habe auf dieser Strecke den Weltrekord gebrochen und zuletzt viermal in Folge gewonnen. Berlin ist eine tolle Stadt. Der Dubai-Marathon ist nicht so weit weg von meiner Heimat, wo ich lebe und trainiere. Die Reise ist kein Problem, die Betreuung ist fantastisch und ich bin erstaunt, dass es die Organisatoren immer wieder schaffen, trotz der vielen Baumaßnahmen eine Top-Strecke anzubieten. Der London-Marathon ist ein sehr gut etabliertes Rennen und ich laufe gerne dort. Ich hoffe, dass mir 2012 in London bei Olympia etwas Besonderes gelingt. In die Liste der Top fünf muss ich auch den Great Ethiopian Run aufnehmen. Das Rennen in meiner Heimat bedeutet mir sehr viel. Der Fukuoka-Marathon in Japan zählt ebenfalls dazu. Ich habe diesen Lauf 2006 gewonnen und die Atmosphäre dort genossen. Auch nach Fukuoka würde ich gerne wieder zurückkehren.

Haben sie eine Vorstellung, wie wird sich der Marathon-Weltrekord in der Zukunft entwickeln wird?

Haile: Ich glaube wirklich, dass eines Tages die Zwei-Stunden-Marke fällt. Es wird nicht in den nächsten 20 bis 30 Jahren passieren, aber wir werden es erleben!

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