Eine Olympiateilnehmerin schreibt Geschichte: Ein Interview mit Shalane Flanagan

Von Duncan Larkin
Shalane Flanagan auf dem Weg zum amerikanischen Rekord und einer olympischen Bronzemedaille. © www.PhotoRun.net
Shalane Flanagan auf dem Weg zum amerikanischen Rekord und einer olympischen Bronzemedaille. © www.PhotoRun.net

Vor den Olympischen Sommerspielen in Peking hatten die meisten Amerikaner von der 27-jährigen Shalane Flanagan noch nie etwas gehört. Doch das änderte sich schlagartig am Abend des 15. August 2008. Auf der Bahn im berühmten Vogelnest-Stadion schrieb Shalane vor einem internationalen Fernsehpublikum Sport-Geschichte. Sie brach den amerikanischen 10.000-Meter-Rekord (ihren eigenen) und gewann die olympische Bronzemedaille. Damit war sie erst die zweite Amerikanerin, der es gelang, eine Medaille bei den Olympischen Spielen über diese Distanz zu gewinnen. Nicht einmal Shalane selbst hatte das erwartet. „Habe ich das tatsächlich geschafft?“ fragte sie mit dem Blick auf die Uhr. Dort stand: 30:22,22 Minuten, dritter Platz.

Ja, sie hatte es tatsächlich geschafft.

Die ersten Erfolge ihrer Laufkarriere erzielte sie an der University of North Carolina. Dort gewann sie 2002 den ersten NCAA (National Collegiate Athletic Association)-Crosslauf-Titel in der Universitäts-Geschichte. 2003 gewann sie diesen Titel erneut und wurde 2004 sowie 2005 US-amerikanische Meisterin im Crosslauf über 4 Kilometer.

Die Anfangsjahre ihrer professionellen Laufkarriere, 2005 und 2006, waren dennoch schwierig. Sie unterzog sich einer Operation, um einen Knochen in ihrem Fuß entfernen zu lassen und musste anschließend pausieren. 2007 gelang ihr dann jedoch ein unvergleichliches Comeback: Beim Reebok Hallen-Meeting in Boston unterbot sie den amerikanischen Rekord über 3.000 m um sechs Sekunden (8:33,25) und auf der 400-m-Bahn verbesserte sie zudem den amerikanischen Rekord über 5.000 m (14:44,80).

2008 startete Shalane dann zum ersten Mal über die 10.000 m. In ihrem Debüt über diese Distanz im Mai unterbot sie den amerikanischen Rekord mit 30:34,49 um 17 Sekunden. Einen Monat später gewann sie das Qualifikationsrennen für die Olympischen Spiele über 10.000 m in 31:34,81 und stellte damit einen Hayward Field-Rekord auf.

Shalane wuchs in Marblehead, Massachusetts auf und kommt aus einer Familie von Langstreckenläufern. Ihre Mutter, Cheryl Treworgy, war Teil des amerikanischen Weltmeisterschafts-Crosslauf-Teams in den 60ern und 70ern und ihr Vater, Steve Flanagan, hält eine persönliche Marathon-Bestzeit von 2:18 Stunden.

Derzeit lebt und trainiert sie in Pittsboro, North Carolina. Sie ist mit dem ehemaligen Läufer der University of North Carolina, Steve Edwards, verheiratet. Take The Magic Step®-Autor Duncan Larkin sprach mit Shalane über ihre Erfolge und ihre Träume.

Woher kommt Ihre Motivation?

Shalane: Ich weiß es nicht. Letzen Endes bin ich einfach nur motiviert, herauszufinden wie gut ich sein kann. Wo auch immer meine Motivation herkommt; sie ist einfach da. Ich habe das Laufen schon immer genossen. Ich liebe es hinaus zu gehen und in der Natur zu sein – es ist einfach ein Natursport. Ich liebe das Laufen an sich und ich will letztendlich herausfinden, wie gut ich sein kann.

Sie sind eine vielseitige Läuferin und nehmen an einer Vielzahl von Distanzen teil, von 1.500 m bis hin zu 10.000 m. Denken Sie, dass Ihnen Ihre Grundschnelligkeit, die Sie brauchen, um erfolgreich über 1.500 m zu sein, beim Endspurt über 10.000 m auch hilft?

Shalane: Absolut. Die 1.500 m sind nicht wirklich mein Ding. Das Sprinten an sich ist ja keine natürliche Bewegung. So musste ich wirklich an meinem Spurt arbeiten – wenn man es einen Spurt nennen möchte. Und ich musste an meiner Schnelligkeit arbeiten. Ich hoffe, dass es mir in den nächsten Jahren gelingen wird, so weiter zu arbeiten, denn es entspricht nicht meinem Naturell. Natürlich ist, über eine lange Distanz schnell laufen zu können, ohne dabei zu ermüden. Für mich ist es definitiv nicht natürlich zu sprinten. Deshalb musste ich daran arbeiten – mithilfe von kurzen Wiederholungssprints mit korrekter Körperhaltung und anderen Sprintübungen. Bevor ich meinen Trainer [John Cook] traf, hatte mich nie jemand aufgefordert zu sprinten. Und es war beim ersten Mal auch wirklich nicht so toll. Er sagte: „Wir machen heute 30 – 40-m-Sprints.“ Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich wirklich komisch dabei. Ich musste hart daran arbeiten.

Sie glauben also, dass die Schnelligkeit, an der Sie mit Ihrem Trainer arbeiten, sich positiv auf Ihren Spurt in den längeren Rennen auswirken wird?

Shalane: Definitiv. Es hilft mir, selbst bei hohem Tempo meinen Laufstil aufrecht zu erhalten und es macht mir bewusst, was ich tun muss, um schneller zu sein.

Sie halten die amerikanischen Rekorde über 3.000, 5.000 und 10.000 m. Was kommt als nächstes? Es scheint, als wären Sie an einem Punkt, an dem Sie die Strecken entweder reduzieren und über die Mitteldistanzen antreten oder sogar einen Halbmarathon oder Marathon laufen könnten. Was werden Sie tun?

Shalane: Mein Wunsch ist…, besser gesagt, mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich eher auf längere Distanzen konzentrieren werde, weil mir die 10.000 m großen Spaß machen. Ich glaube, um eine gute Marathonläuferin zu sein, muss ich noch erheblich schneller werden. Ich denke, ich muss zurück auf die Bahn und meine Schnelligkeit für die 1.500 m durch die 5.000-m-Rennen weiter ausbauen. Ich werde an diesen Distanzen arbeiten und brauche auf diesen Strecken erst noch die nötigen Qualifikationen, bevor ich zum Marathon übergehen kann. Ich liebe den Marathon wirklich. Ich bin immer so aufgeregt, wenn ich den New York City-Marathon sehe. Das inspiriert mich so, dass ich selbst einen laufen möchte. Ich weiß, dass ich Geduld haben muss. Ich hoffe nur, dass der Marathon mich so sehr mag wie ich ihn. [Sie lacht.] Ich meine, ich sage das jetzt, dass ich ihn mag, während ich hier im Sessel sitze. Aber dadurch, dass ich in Boston aufgewachsen bin, war der Marathon für mich immer schon ein Teil des Lebens. Solange ich den Boston-Marathon nicht gelaufen bin, weiß ich, dass ich keine wirklich anerkannte Läuferin bin. [Sie lacht wieder.] Ich freue mich auf diese Phase, aber das wird ganz sicher nicht in den nächsten zwei Jahren passieren.

Wenn Sie sich also in den nächsten zwei Jahren auf die kürzeren Strecken auf der Bahn konzentrieren werden, lässt Ihnen das immer noch die Option offen, den olympischen Marathon in vier Jahren in London zu laufen?

Shalane: Darüber muss ich mich mit meinem Trainer beratschlagen. Ich denke, dass ich durchaus gute Leistungen in einem Marathon bringen könnte und wenn ich das 2012 zeigen könnte, wäre das toll. Es wird nur unter Umständen noch nicht machbar sein. Ich weiß es nicht. Aber es wäre großartig, bei den Olympischen Spielen 2012 dabei zu sein, egal, in welcher Disziplin. Wir müssen abwarten, wie sich die nächsten vier Jahre entwickeln und ob ich stark genug bin, einen Marathon zu laufen. Ich würde es liebend gern tun.

Eines der Ziele von Take The Magic Step ist, Menschen aller Könnensstufen zu inspirieren, die gesundheitlichen Vorzüge sportlicher Aktivitäten zu genießen. Auf Ihrer Webseite findet sich folgendes Zitat: „Haben Sie große Träume!“ Was wäre Ihre Empfehlung für junge Talente oder Menschen, die gerade zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Training begonnen haben?

Shalane: Ich habe immer geglaubt, dass sich niemand selbst einschränken sollte: Groß zu denken und große Träume zu haben. Und versuchen, für sich ein bestimmtes Leistungsniveau festzulegen, was auch immer das für Dich sein soll. Ich persönlich habe mein Interesse fürs Laufen durch das Zusammensein mit anderen Menschen entdeckt. Ich mag die soziale Seite des Laufens genauso, wie ich die Einsamkeit mag. Menschen, die gerade mit dem Laufen beginnen und die sich wirklich Ziele für Ihr Laufen setzen, rate ich meist, sich mit jemandem zum Laufen zu verabreden – jemandem, dem man Rechenschaft ablegen muss, wenn man nicht erscheint. Ich finde auch, dass durch das gemeinsame Laufen und das Teilen der Erfahrung mit anderen Menschen ganz besondere Erinnerungen geschaffen werden können.

2005 und 2006 hatten Sie große Probleme wegen einer Fußverletzung. Das war offensichtlich ein Rückschlag für Sie. Gab es jemals einen Moment, in dem Sie mit dem Laufen aufhören wollten?

Shalane: Ich habe nie daran gedacht aufzuhören. Wenn Sie sich die Spitzenathleten anhören, dann hatte jeder irgendwann einmal eine Hürde zu nehmen. Ich kenne niemanden, der direkt und ohne kleinere Rückschläge zur Spitze gelangt ist. Ich nenne sie eigentlich auch nicht Rückschläge. Sie machen eine stärkere Person aus dir. Hätte ich diese Verletzung nicht gehabt, hätte ich meine Liebe fürs Laufen nie überdacht. So habe ich viele Dinge hinterfragt, zum Beispiel wie ernst es mir mit dem Sport wirklich ist. Und ich habe mich gefragt: Ist das der richtige Trainer? Ist dies das richtige Training? Ich denke, dass das, was nach einer Krise aussieht, nicht umsonst auftritt. Mein Mann [Steve Edwards] sagt manchmal, dass schlimme Dinge aus einem bestimmten Grund passieren. Ich glaube, dass es aus einem guten Grund passierte: Damit ich meine Ziele und mein Engagement für den Sport hinterfragen konnte. Ich glaube, dass die schwierigen Zeiten uns zu stärkeren Menschen machen.

Beinhaltet Ihr Crosstraining – außer dem Laufen – noch andere Sportarten?

Shalane: Ja. Mein Trainer predigt immer, dass man ein guter Athlet sein muss, um ein guter Läufer sein zu können. So verbringen wir viel Zeit mit anderen Dingen außer Laufen, vor allem zu dieser Jahreszeit, wenn wir sozusagen gerade wieder ins Training einsteigen. Wir ergänzen viele unserer Meilen mit Yoga, Radfahren, Schwimmen und Stabilitätstraining der Haltemuskulatur. Egal, welche Schwächen auch immer auftreten, wir arbeiten daran. Meine Schwachstelle sind definitiv meine Füße, deshalb arbeite ich zu dieser Jahreszeit besonders an ihnen. Was auch immer meine Schwäche am Ende der vergangenen Saison war, knüpfe ich mir zu diesem Zeitpunkt vor. Ich liebe diese Zeit des Jahres, weil alles anders ist. Morgen Abend werde ich Yoga machen, heute bin ich geschwommen. Am Freitag gehe ich vielleicht Rad fahren. Wir sind überzeugt von einer integrativen Trainingsphilosophie.

Hilft das vielleicht auch, die Monotonie des Laufens zu unterbrechen?

Shalane: Ja. Es ist ein bisschen von allem: Es werden andere Muskeln beansprucht, das Gehirn wird anders gefordert. Ich liebe diese Zeit des Jahres.

Sie hatten ein unbeschreibliches Erlebnis bei den Olympischen Spielen. Gibt es etwas ganz Besonderes, von dem Sie uns erzählen möchten?

Shalane: Einer der schönsten Momente für mich und meinen Mann war der Abend nach den 10.000 m. Es war wirklich spät, und wir waren bei der Doping-Kontrolle, und als wir da endlich herauskamen, hatten sie den Aufwärmplatz gesperrt, so dass wir keine Möglichkeit zum Auslaufen hatten. Die 5.000 m lagen noch vor mir und somit war das Auslaufen extrem wichtig. Der einzige Ort, der mir blieb, war das olympische Stadion, das Vogelnest. Das war wirklich etwas Besonderes, dass wir unser Cool-down auf einer leeren Bahn durchführen konnten. Niemand außer mir, meinem Trainer und meinem Mann war da und wir konnten zehn Minuten laufen. Es war eine schöne Art, den Moment nochmals rückblickend zu würdigen. Es hat mich fast umgehauen, es war wie ein Wirbelsturm, als ich dachte: Meine Güte, das ist die Bahn, auf der es passierte. Wir hatten so hart zusammen gearbeitet. Mein Mann hat mir so sehr mit dem Training geholfen. Er macht die Massagen – er macht alles. Es war wirklich etwas ganz Besonderes, diesen Moment zu teilen und das ganze Erlebnis nochmals gemeinsam Revue passieren zu lassen. Das war der Höhepunkt für uns. Und was die Erfahrung mit meinen internationalen Mitstreiterinnen betrifft – ich habe immer Meseret Defar bewundert. Ich bin ein paar Mal gegen sie in der Halle gelaufen. Ich mag einfach ihre Persönlichkeit sehr, obwohl wir wegen der Sprachbarriere gar nicht miteinander sprechen. Sie kam zu mir, nachdem ich Bronze über 10.000 m gewonnen hatte. Es war bei den 5.000-m-Vorläufen – vielleicht waren wir sogar im gleichen Lauf. Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte „Glückwunsch.“ Man sah ihr an, dass sie sich wirklich für mich freute. Das war wirklich ein ganz besonderer Augenblick. Ich habe sie schon immer bewundert. Ich finde, dass sie ein ganz toller Mensch ist und eine hervorragende Botschafterin für den Sport und meine Generation.