Der Marathon des Lebens

Von Piet Könnicke mit Steve Coz
Mentale Stärke hilft Thomas Geierspichler im Wettkampf. © Andreas Waldschütz
Mentale Stärke hilft Thomas Geierspichler im Wettkampf. © Andreas Waldschütz

Thomas Geierspichler ist ein Ausnahmeathlet: Europameister, vielfacher Weltrekordhalter und Weltmeister – und querschnittsgelähmt. 2000 und 2004 gewann der Österreicher bei den Paralympics in Sydney und Athen fünf Medaillen – darunter Gold über 1.500 Meter. Im vergangenen Jahr krönte er mit dem Sieg beim paralympischen Marathon in Peking in Weltrekordzeit seine bisherige Laufbahn. Genauso beeindruckend wie die Erfolgsbilanz ist der Weg, den der 32-Jährige zurücklegte, nachdem er 1994 als 18-Jähriger bei einem Autounfall verunglückte. Seitdem sitzt Thomas Geierspichler im Rollstuhl. Drei Jahre flieht er vor der Realität in einen Rausch aus Drogen und Alkohol. Schließlich fasst er den Entschluss, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Er beginnt, mit Mut und Entschlossenheit Sport zu treiben und gewinnt drei Jahre später die olympische Bronzemedaille beim Sydney-Marathon. Im Interview mit Take The Magic Step®-Autor Piet Könnicke erzählt Thomas Geierspichler von seinem inspirierenden Weg, von Glauben, Glück und der Bedeutung des Marathons.

Sie wurden als Botschafter und als große Inspiration für viele Behindertensportler bezeichnet. Was ist Ihre Botschaft?

Thomas Geierspichler: Einer meiner Grundsätze lautet: Alles ist möglich für den, der glaubt. Einfach nie aufgeben, beharrlich an seinem Ziel arbeiten, sein Ziel nicht aus den Augen verlieren und immer nach vorn schauen, egal wie schlecht es geht. Wenn man auch in ausweglosen Situationen nicht mit den Umständen hadert, kann man alles erreichen. Das ist für mich eine generelle Grundeinstellung im Leben. Und was meine Rolle als Botschafter angeht, so muss ich sagen, dass ich diese eigentlich gar nicht anstrebe, sie mir aber fast ein bisschen aufgedrängt wird. Daher versuche ich, mein Bestes zu geben, denn wenn schon Persönlichkeiten des Behindertensports in der Öffentlichkeit stehen, muss man das auch nutzen.

Sie selbst mussten sich diese Botschaft erst hart erarbeiten, denn auf Ihrem zurückliegenden Wegstück nach dem schicksalhaften Autounfall haben Sie zunächst Umwege gemacht durch ein Tal von Alkohol, Drogen und Depressionen. Was war die entscheidende Weichenstellung, um die richtige Spur zu finden?

Thomas Geierspichler: Zum einen war mein Vater zu dieser Zeit schwer krank und ich selbst habe gemerkt, dass ich auf eine Sackgasse zulaufe. In dieser Situation war ich bei Bekannten, die sehr gläubig sind und für mich gebetet haben. Das war wie auf der Autobahn, über die man hinwegrast und auf der plötzlich ein Stoppschild auftaucht. Ich habe mir gesagt: Wenn es Gerechtigkeit und Gott wirklich gibt, stellst du das jetzt auf die Probe. Dann helfen sie mir dabei, dass ich mein Leben umdrehe, mit Drogen und Alkohol aufhöre. Also bin ich nach Hause gefahren, habe den Entschluss gefasst, mit dem ganzen Scheiß aufzuhören. Von da an ist es immer bergauf gegangen, es ist total viel Energie in mir aufgestiegen. Ich habe viel in der Bibel gelesen und mir gesagt: Jetzt darbst du wie Jesus. Ich habe 40 Tage gefastet, nur Suppe gegessen und Tee getrunken. Dabei ist viel Heilung in mir passiert. Ich habe viel geweint, es ist immer mehr aus mir heraus gekommen, was ich jahrelang mit Drogen und Alkohol unterdrückt habe. Ich habe mich immer mehr mir selbst zugewandt und mich selbst so sehen können, wie andere Leute mich sehen. Das war für mich der Knackpunkt: Dass ich meiner Realität ins Auge schaue und die Situation einfach annehmen muss. Wenn man das kann, steht man auf dem Fundament der Wahrhaftigkeit und wird authentisch mit sich selbst. Und dann sieht man durch Träume, Visionen oder auch Herzenseinstellungen den eigenen, für sich bestimmten Weg.

Wovon haben Sie geträumt, was hat sich Ihr Herz gewünscht?

Thomas feiert seine Goldmedaille im Marathon. © Franz Baldauf
Thomas feiert seine Goldmedaille im Marathon. © Franz Baldauf

Thomas Geierspichler: Ich habe gesehen, wie Hermann Maier bei den Olympischen Winterspielen in Nagano 1998 nach einem schweren Sturz in der Abfahrt noch zweimal Olympiasieger wurde – und da wurde mir klar: Ich will auch, dass einmal die Bundeshymne für mich gespielt wird. Wenn ich als kleines Kind Olympische Spiele gesehen habe, bekam ich immer einer Gänsehaut und hab das nicht zu deuten gewusst. Und plötzlich, durch den Glauben und das Erlebnis von Nagano wusste ich, was es zu bedeuten hat, wenn ich Gänsehaut hatte und Tränen in den Augen. Ich war schon immer sportlich und sportbegeistert.

Ihre ersten sportlichen Übungen, mit denen Sie schließlich angefangen haben, waren Liegestütze. Was war das für ein Gefühl?

Thomas Geierspichler: Die ganze Energie, die ich plötzlich in mir spürte, wollte ich in eine Gegenbelastung kanalisieren. Ich habe mich wieder gespürt. Ich habe mich körperlich wieder wahrgenommen, was vorher nur im Kopf passiert war. Ich begann, mich körperlich wieder als Ganzes zu fühlen. Und ab da ist es aufwärts gegangen.

Gibt Ihnen der Sport etwas zurück, was Sie verloren haben?

Thomas Geierspichler: Wenn mein Herzenswunsch gewesen wäre, zu fotografieren oder zu malen, wenn ich meine künstlerische Ader entdeckt hätte und das meine Bestimmung wäre, dann hätte mir das etwas zurückgegeben. Der Sport gibt mir eigentlich nur zurück, dass ich die Bestimmung in meinem Leben gefunden habe und dass ich mich wieder ins Leben integriert fühle. Aber mein Grundsatz ist der Glaube, nicht der Sport. Ich kann andere Menschen durch meinen Glauben ermutigen, ihren Weg zu finden und zu gehen. Das Herz sagt einem, wo man hingehört.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihre Behinderung überwunden hätten. Was lässt Sie so fühlen und empfinden?

Thomas Geierspichler: In dem Moment, in dem ich mich so angenommen habe wie ich bin, hatte ich sie überwunden. Und nachdem ich in Athen meine erste Goldmedaille gewonnen hatte, hat sich der Kreis irgendwie geschlossen: Da hatte ich mein Leben und Dasein im Rollstuhl komplett verarbeitet. Der Umstand schwirrt noch immer wie eine Luftblase in meinem Raum umher, aber es belastet mich nicht mehr. Ich kann es wie einen leichten Luftballon wegschubsen. Und ich kann es leicht wieder hernehmen und objektiv von außen in allen Facetten und in allen Lebensbereichen betrachten, ohne dass es mich belastet.

Haben Sie vor dem Autounfall einmal daran gedacht, einen Marathon zu laufen?

Thomas Geierspichler: Nein, nicht so konkret, wie sich später der Wunsch offenbart hat.

Für viele Läufer ist der Marathon die ultimative Herausforderung. Was bedeutet der Marathon für Sie?

Thomas Geierspichler: Ich sehe den Marathon als Modell oder Beispiel für ein Leben. Es ist nicht nur eine körperliche Anstrengung, bei der man alle Kraft zusammen nehmen muss. Vielmehr werden alle körperlichen und geistigen Ressourcen gefordert. Man muss sich mit einer starken mentalen Einstellung ein paar Mal überwinden und auch über Grenzen gehen. Im Marathon passiert es zwei- bis dreimal – obwohl du jahre- oder monatelang dafür trainierst –, dass du an einen Punkt kommst und sagst: „Nein, ich will nicht mehr. Es ist mir egal, was ich vorher versprochen oder mir vorgenommen habe, egal wer zuschaut. Ich kann nicht mehr und will mich einfach nur noch hinlegen und schlafen.“ Sich dann wieder nach vorn richten und den Anker wieder nach vorn werfen, sich aus diesem Loch wieder rausziehen und weitermachen – diesen Moment zu erleben, ist ein unglaubliches Glücksgefühl. Das macht einen stark fürs Leben. Und mich hat vorher das Leben gelehrt, Schwierigkeiten, Alkohol und Drogen zu überwinden. Das hat mich mental gestärkt und macht mich zu einem erfolgreichen Marathonläufer. Im Marathon passiert in komprimierter Form und daher viel intensiver eine Sache, die dir auch im Leben passieren kann: dass du Rückschläge erfährst und trotzdem weitergehst. Das geht an die komplette Substanz – körperlich und psychisch.

Beschreiben Sie doch einmal Ihre Lieblingseinheit beim Training. Was machen Sie besonders gern?

Thomas: „Ich liebe mein Leben und bin voller Energie.“ © Franz Baldauf
Thomas: „Ich liebe mein Leben und bin voller Energie.“ © Franz Baldauf

Thomas Geierspichler: Ich trainiere zehn bis zwölf Einheiten in der Woche, vier bis sechs Stunden am Tag. Richtig gut finde ich folgendes Programm: eine halbe Stunde aufwärmen, 10 Minuten Intervall im Stabilisierungsbereich (moderates Tempo) – 5 Minuten locker fahren – 10 Minuten Intervall – 5 Minuten locker – 10 Minuten Intervall – 5 Minuten locker. Dann 5 Minuten in einem höheren Tempobereich – 5 Minuten locker – 5 Minuten Tempo. Und dann noch 2×2 Minuten im absoluten Tempobereich. Du spürst dich richtig, aber es ist irre, über die Grenze zu gehen. Wenn Du es dann am Nachmittag schaffst, noch mal aufzustehen und locker eineinhalb Stunden ausfährst, war es ein erfolgreicher Tag.

Was machen Sie, wenn Sie mal keine Lust zum Training haben, aber eine Einheit auf dem Plan steht?

Thomas Geierspichler: Ich mach‘ es einfach. Ich habe noch nie ein Training geschwänzt, nur weil mir nicht danach war. Das will ich auch im Kopf gar nicht einreißen lassen, sonst ist die Schwelle schnell erreicht, dass man es beim nächsten Mal wieder macht.

Nachdem Sie den Marathon in Peking gewonnen hatten, wurden Sie von der Presse belagert. Sie waren als Gast in Talkshows, bei Vorträgen und wurden als Österreichs Behindertensportler 2008 geehrt. Dabei wurde Ihr Trainingsplan natürlich unterbrochen. Haben Sie dabei das kontinuierliche, strukturierte Training vermisst?

Thomas Geierspichler: Am 17. September fuhr ich in Peking den Marathon. Dann habe ich bis November noch die schönen Herbsttage genutzt, um die Form und die Ausdauer ein wenig zu erhalten. Ich hatte einfach viele Dinge zu erledigen, und ich war so ausgelastet, dass ich gar nicht zweimal täglich hätte trainieren können. Aber es war für mich sehr wichtig, für den Behindertensport in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich habe das als Investition in die Zukunft gesehen. Und mein Training geht ja jetzt im Januar wieder richtig los.

Brauchen Sie Unterstützung beim Training, jemand der Sie begleitet und motiviert?

Thomas Geierspichler: Wirklich nur beim Intervalltraining, da ist es gut, wenn jemand sagt, dass es passt oder ich ein, zwei Sekunden zu langsam bin. Sonst bin ich sehr gerne allein, auch um bei einer langen Einheit den Kopf wieder frei zu bekommen.

Derzeit treiben Sie Sport auf einem sehr hohen Niveau. Machen Sie sich auch Gedanken über den Zeitpunkt, an dem zumindest der Wettkampfsport nicht mehr die Rolle spielen wird?

Thomas Geierspichler: Ich lass das auf mich zukommen. Wenn es soweit ist, dass es nicht mehr weitergeht, fügt sich der nächste Schritt. Ich mach mir da gar keine Sorgen. Ich denke, dass zum richtigen Zeitpunkt ein neuer Impuls kommen wird – vielleicht in eine ganz andere Richtung. Solange der nicht da ist, geht es einfach weiter. Ich habe derzeit überhaupt nicht das Bedürfnis, mir neue Visionen zu suchen, weil die eh freien Herzens kommen. Wir haben einen Verein gegründet – Walk ’n‘ roll –, mit dem wir förderungswürdige Menschen mit Behinderungen unterstützen, sei es im Sport oder in anderen Bereichen. Wenn diese Leute durch diese Hilfe ihre Ziele erreichen, werden das wieder Multiplikatoren in der ganzen Gesellschaft, die andere wiederum ermutigen. Das ist mir auch in der Zukunft ein Anliegen.

Sie sagen, dass Sie im Leben viel Glück gehabt hätten. Für manchen, der Ihre Geschichte kennt oder von Ihrem Schicksal erfährt, mag das schwer zu verstehen sein. Wie erklären Sie denen das?

Thomas Geierspichler: Es hört sich sicher für viele schwer verständlich an, wenn ein Querschnittsgelähmter sagen kann: Ich liebe mein Leben und hab eigentlich nur Glück gehabt! Es ist aber einfach so, dass ich mir Ziele gesteckt und alle erreicht habe. Diese Glücksgefühle, die ich oft habe – als ich in Peking gewonnen habe oder wenn ich bei meinen Motivationsvorträgen in die Gesichter der Zuhörer schaue – geben mir Zufriedenheit. Da fließt Energie. Mein Leben ist durch und durch perfekt, es passt einfach: Ich habe eine Super-Wohnung, ich habe viele Dinge in Angriff genommen und viel erreicht. Das schätze ich sehr. Ich bin nicht perfekt, mache sicher genug Fehler. Aber im Gegensatz zu früher, lebe und erlebe ich mein Leben jetzt bewusst und in meiner Bestimmung. Und das ist, glaube ich, das ganze Glück.