Meine Gedanken zum Boston-Marathon

18. April 2013 Von Uta
George Washington-Statue im Boston Public Garden. © SeanPavonePhoto/Fotolia.com

Während ich hier in Colorado auf friedlichen Wegen laufe, sind meine Gedanken bei meinen trauernden Freunden und den noch immer schockierten Läuferinnen und Läufern in Boston. Für mich als ehemalige Ostdeutsche war der Boston-Marathon seit jeher ein Lauf der Freiheit – ausgetragen in einem weit entfernten Land, von dem ich nur träumen konnte und von dem ich wusste, dass die Menschen dort offen ihre Meinung sagen und ihr Leben selbst bestimmen konnten. Dann fiel die Mauer 1990 und ich stand überglücklich an der Startlinie in Hopkinton, um meinen eigenen, ganz persönlichen Freiheits-Lauf zu beginnen.

Jetzt, nach dieser schrecklichen Tat, wurden all die Erinnerungen an diese bewegende Zeit wieder geweckt, und ich spüre ganz tief in mir die Kraft, mich von der Bestürzung und Fassungslosigkeit über dieses brutale Verbrechen in Boston nicht überwältigen zu lassen.

Dieser menschenverachtende Angriff gegen friedliebende und wohltätige Menschen – Athleten, Freunde und Zuschauer – passierte während einer Marathon-Veranstaltung, die ein Symbol für Freundschaft und Kameradschaftsgeist ist und die aufgrund ihres ganz eigenen Charakters schon unzählige inspirierende Geschichten über Durchhaltevermögen und Mut geschrieben hat.

Doch am vergangenen Montag mussten wir mit ansehen wie Ärzte, Krankenschwestern, Rettungs- und Ordnungskräfte, freiwillige Ersthelfer, Athleten und Zuschauer zu Helden wurden, weil sie unermüdlich und unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu den Verletzten eilten. Wir sahen Marathonläufer, die gestürzten Kameraden auf die Beine halfen und Zuschauer, die Freunde in Sicherheit brachten, ungeachtet der noch nicht gebannten Bedrohung für das eigene Leben.

Ein brutaler Terrorakt nahm uns unsere Freiheit, an diesem Nachmittag unbeschwert und unbeschadet zu laufen. Doch nur für einen kurzen Augenblick, denn mit vereinten Kräften eilten wir unseren Mitbürgern zur Hilfe, trotzten der Gefahr und verteidigten dabei unsere so hart erkämpften Freiheitsgrundsätze. Dieser gemeine Anschlag konnte uns nicht schwächen, er hat uns sogar stärker gemacht. Wir standen zusammen und haben uns geschworen, dass nichts und niemand unsere Freiheit kompromittieren kann.

Der Fall der Berliner Mauer im November 1989. © Bundesarchiv/Klaus Lehnartz

Vor der Wende sehnte ich mich wie viele Ostdeutsche nach der Freiheit, die andere ganz selbstverständlich genießen konnten. Ich fand diese Freiheit in Boston – einer toleranten, fortschrittlichen und sportbegeisterten Stadt. Am vergangenen Montag, dem Patriots’ Day, empfing diese großartige Metropole Athleten aus 92 Ländern mit offenen Armen. Teilnehmer aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen, vereint durch die Liebe zum Laufsport, kamen hier zusammen, um an einem der schönsten City-Marathonläufe der Welt teilzunehmen. Für viele von ihnen war es ein großer Traum, bei diesem traditionsreichen Rennen dabei zu sein.

Niemand hätte geglaubt, dass solch ein Verbrechen möglich sein würde und unsere Freiheit noch einmal so verletzlich sein könnte. Was von den Vätern der amerikanischen Revolution hart erkämpft wurde, setzt sich in unseren heutigen Bemühungen fort, damit die Menschen hier auch weiterhin frei und in Frieden leben können – diese Lebensqualität lassen wir uns von niemandem nehmen. Vermutlich werden wir noch weitere sinnlose Gewalttaten erleben, doch noch niemals hatten sie Macht über uns und sie werden diese Macht auch nicht bekommen.

Diesen friedlichen Marathon, der damals begann, werden wir nun weiter zusammen laufen. Die Ereignisse am 15. April haben unser Gefühl der Dankbarkeit für alles, was wir als Amerikaner in Frieden erreicht haben, noch weiter vertieft, und wir werden diesen Marathon gemeinsam mit unseren Partnern aus aller Welt bestreiten. Die kommenden Rennen in London und Hamburg werden dafür ein Zeichen setzen.

Die Menschen freuen sich darauf, noch enger zusammenzurücken und gemeinsam zu laufen. Dabei können wir uns auf jedem Schritt von den Geschichten über die unerschrockenen Helferinnen und Helfer sowie den Teilnehmern des Boston-Marathonlaufes inspirieren lassen. Mut und Geschlossenheit werden uns noch stärker machen, denn wir wissen, dass das Gute am Ende siegen wird. Dies haben uns die Menschen in Berlin gezeigt, als sie die Berliner Mauer niederrissen, fast ein viertel Jahrhundert vor dem Anschlag in Boston.

Am Ende werden die friedlichen Marathonläufe gewinnen.

Uta Pippig (@utapippig) nahm siebenmal am Boston-Marathon teil und hat ihn dabei dreimal in Folge gewonnen. Sie ist Gründerin und Präsidentin von www.TakeTheMagicStep.com, einem Unternehmen, das Gesundheit, Fitness und positive Veränderungen der Lebensweise fördert und unterstützt.

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