Wanjiru und Shobukhova siegen, Mikitenko Zweite in Chicago

Von Jörg Wenig

Sammy Wanjiru gewinnt den Chicago-Marathon. © www.photorun.net

Sammy Wanjiru gewinnt den Chicago-Marathon. © www.photorun.net

Kenias Olympiasieger Sammy Wanjiru und die Russin Liliya Shobukhova sind die Sieger des Bank of America Chicago-Marathons. Mit einem beachtlichen zweiten Platz meldete sich währenddessen Irina Mikitenko (TV Wattenscheid) bei ihrem ersten US-Marathon zurück. Die 37-Jährige war nach dem Tod ihres Vaters im Juli und einem daraus resultierenden Trainingsausfall noch nicht wieder so stark wie zum Beispiel bei ihrem deutschen Rekordlauf in Berlin 2008 (2:19:19 Stunden). Doch nach einer solch schweren Zeit ist Rang zwei ein großer Erfolg. Lediglich die am Ende sehr starke Russin Liliya Shobukhova, die in 2:25:56 Stunden gewann, war in Chicago noch etwas schneller als Irina Mikitenko, die bei eiskaltem Wetter nach 2:26:31 im Ziel war. „Ich glaube, ich brauche mich nicht zu verstecken. Ein zweiter Platz in Chicago, das ist schon etwas”, sagte Irina Mikitenko in einer ersten Reaktion.

Für den sportlichen Höhepunkt des Rennens in Chicago, das mit seinen rund 45.000 Meldungen auch zu den World Marathon Majors (WMM) gehört, sorgte jedoch der Olympiasieger: Sammy Wanjiru setzte sich auch bei seinem ersten Lauf in den USA durch, stellte mit 2:05:41 Stunden einen Streckenrekord auf und erzielte die schnellste je in Amerika gelaufene Marathonzeit. Dabei verbesserte er die vor zehn Jahren aufgestellte Bestmarke des aus Marokko stammenden Khalid Khannouchi (USA) um genau eine Sekunde. Damals bedeuteten jene 2:05:42 Weltrekord.

Sammy Wanjiru und Irina Mikitenko stehen zudem nach dem Chicago-Marathon definitiv als Sieger der WMM-Serie 2008-2009 fest. Sie teilen sich eine Prämie von einer Million US-Dollar. Die Ehrung erfolgt im Rahmen des New York-Marathons am 2. November, dem Tag nach dem Rennen.

Fünfmal ist Sammy Wanjiru bisher Marathon gelaufen – viermal hat der erst 22-Jährige gewonnen, einmal war er Zweiter. Darunter sind Siege bei Olympia, in London sowie nun auch in Chicago. Sammy Wanjiru hat einmal mehr gezeigt, dass er zurzeit wohl der erfolgreichste Marathonläufer der Welt ist, wenn auch noch nicht der schnellste. Er dürfte aber in der Lage sein, auch den derzeitigen Weltrekord von Haile Gebrselassie (Äthiopien/2:03:59) zu brechen. Voraussetzung ist aber, dass er ein perfektes Rennen findet. In Chicago und London ist Wanjiru inzwischen immerhin Kursrekordler, und die olympische Bestzeit hält er ebenso seit Peking 2008.

Auf der schnellen Strecke in den USA lag der Kenianer dabei lange Zeit auf Weltrekordkurs. „Das Tempo fühlte sich leicht an, ich habe den Tempomachern angezeigt, dass sie schneller laufen sollen”, erzählte Sammy Wanjiru später. Nach 62:01 Minuten war die erste Hälfte absolviert – genau nach Plan. Doch das Problem war dann, dass die Tempomacher nicht stark genug waren. Schon kurz nach Kilometer 25 ging der letzte von ihnen, Patrick Ivuti (Kenia), aus dem Rennen. Da lief Sammy Wanjiru gemeinsam mit seinen Landsleuten Vincent Kipruto und Charles Munyeki, der zur KIMbia-Gruppe gehört, an der Spitze. Obwohl die drei zeitweilig sogar Trainingspartner sind, entwickelte sich nun ein taktisches Rennen, bei dem der Sieg und nicht mehr die Zeit im Mittelpunkt stand. Eine Reihe von deutlich langsameren Kilometern ließen den Weltrekord schnell außer Reichweite rücken. Als dann Sammy Wanjiru bei 35 km das Tempo wieder forcierte, gewann er damit das Rennen und sicherte sich neben einer Siegprämie von 75.000 Dollar noch eine Kursrekordprämie von 100.000 Dollar. Dass es mit der Streckenbestzeit so knapp werden würde, wusste Sammy Wanjiru nicht, als er auf den letzten 100 Metern ins Publikum winkte. „Ich habe nicht an den Kursrekord gedacht. Aber ich bin dankbar, dass ich aufgrund einer Sekunde 100.000 Dollar gewonnen habe”, sagte ein lachender Olympiasieger. Mit einer starken Schlussphase schob sich Abderrahim Goumri (Marokko) in 2:06:04 noch auf Platz zwei vor Vincent Kipruto (2:06:08) und Charles Munyeki (2:07:06).

Liliya Shobukova ist die schnellste Frau in Chicago. © www.photorun.net

Liliya Shobukova ist die schnellste Frau in Chicago. © www.photorun.net

Das Frauenrennen begann bei Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt mit einem sehr verhaltenen Tempo. Nach 18:22 Minuten erreichte die Spitzengruppe die 5-Kilometer-Marke und auch danach wurde es lange Zeit nicht wesentlich schneller. Die erste Hälfte war nach 1:15:04 Stunden gelaufen. Irina Mikitenko lief durchweg in der Führungsgruppe und ergriff dann rund 10 km vor dem Ziel die Initiative. Doch sie konnte sich nicht lösen, so dass auch bei Kilometer 40 noch vier Läuferinnen an der Spitze lagen. Neben der späteren Siegerin Shobukhova und der Deutschen waren dies noch die Äthiopierin Teyba Erkesso, die zweimal vergeblich versucht hatte, der Gruppe davonzulaufen, sowie die Titelverteidigerin Lidiya Grigoryeva (Russland).

„Ich wusste, dass das jetzt mein Terrain ist”, erzählte die 31 Jahre alte Liliya Shobukhova später bezüglich ihrer starken Schlussphase. Die Russin ist mit einer 5.000-Meter-Bestzeit von 14:23,75 Minuten die viertschnellste Läuferin aller Zeiten über diese Distanz. Entsprechend stark war ihr Antritt, dem auch Irina Mikitenko nicht folgen konnte. Doch die Deutsche war immerhin am Ende schneller als die drittplatzierte Lidiya Grigoryeva (2:26:47) sowie die folgenden Teyba Erkesso (2:26:56), Berhane Adere (Äthiopien/2:28:38) und Deena Kastor (USA/2:28:50). Die US-Rekordlerin, die sich bei Olympia 2008 einen Ermüdungsbruch im Fuß zugezogen hatte, lief ein gutes Marathon-Comeback und war bei Kilometer 30 noch in der Spitzengruppe.

Irina Mikitenko im Interview über ihr Chicago-Rennen

Irina Mikitenko rennt durch das eiskalte Chicago. © www.photorun.net

Irina Mikitenko rennt durch das eiskalte Chicago. © www.photorun.net

Mit dem zweiten Platz beim Bank of America Chicago-Marathon setzte Irina Mikitenko (TV Wattenscheid) am vergangenen Sonntag ihre Serie hochklassiger Marathon-Resultate fort. Von den fünf Rennen ihrer Karriere, die alle zu den World Marathon Majors gehörten, hat sie drei gewonnen und war zweimal Zweite. Nach dem Chicago-Marathon gab Irina Mikitenko das folgende Interview:

Wie fühlen Sie sich nach dem zweiten Platz?

Irina Mikitenko: Ich glaube, ich brauche mich nicht zu verstecken. Ein zweiter Platz in Chicago, das ist schon etwas. Zugleich bin ich natürlich auch etwas enttäuscht, dass ich nicht gewonnen habe, aber Liliya Shobukhova war besser vorbereitet als ich.

Die Siegerin hatten Sie vorher als starke Konkurrentin genannt.

Irina: Ja, vor ihr hatte ich Respekt und mit ihr hatte ich gerechnet. Ich wusste, wenn sie am Ende noch vorne dabei sein sollte, dann ist sie schneller als ich.

Liliya Shobukhova profitierte am Ende von ihrer sehr guten Grundschnelligkeit. Hätten Sie bei einem von vornherein deutlich schnelleren Tempo bessere Chancen gehabt?

Irina: Ich glaube schon, aber das Problem war zum einen, dass es extrem kalt war, so dass wir dadurch sehr langsam gelaufen sind. Hinzu kam, dass meine Vorbereitung dieses Mal kürzer war, also nicht ganz so gut wie sonst. Dadurch habe ich mich nicht getraut, das Tempo eher zu forcieren. Vielleicht war das ein taktischer Fehler, aber ich wusste nicht, ob es gut gehen würde. Auf den letzten zehn Kilometern habe ich es versucht, aber es reichte nicht mehr.

Die WMM-Serie 2008-2009 haben Sie gewonnen.

Irina: Ja, jetzt kann zu 100 Prozent nichts mehr passieren. Da freue ich mich natürlich sehr, denn das ist ein besonderer Erfolg. Die WMM kann man nur gewinnen, wenn man zwei Jahre lang Topleistungen gezeigt hat.

Was machen Sie jetzt als nächstes?

Irina: Wir haben einen Türkei-Urlaub gebucht und fahren in die Wärme ans Meer. Die Kinder freuen sich schon, sie haben nach dem Rennen von zu Hause aus angerufen und waren happy über meinen zweiten Platz. Sie haben ja auch mitbekommen, wie schwierig die Vorbereitung war.

Und welche Ziele haben Sie 2010?

Irina: Ich habe noch keine konkreten Pläne bezüglich des Frühjahrs, erst mal will ich mich ausruhen und regenerieren. Im Sommer kann ich mir vorstellen, bei der EM in Barcelona die 10.000 Meter zu laufen.