Von Jörg Wenig

Tsegaye Kebede lief in London zum Sieg. © www.photorun.net
Überlegen gewannen Tsegaye Kebede (Äthiopien) und Liliya Shobukhova (Russland) am Sonntag den Virgin London-Marathon. Der Äthiopier lief mit 2:05:19 Stunden die viertschnellste Zeit des Jahres und war deutlich vor dem Kenianer Emmanuel Mutai (2:06:23) und Jaouad Gharib (Marokko/2:06:55) im Ziel. Die erste russische Siegerin in der Geschichte des London-Marathons verbesserte in der britischen Metropole die Jahresweltbestzeit der Äthiopierin Atsede Bayisa (2:22:04 Stunden in Paris) um vier Sekunden und gewann in 2:22:00 vor ihrer Landsfrau Inga Abitova (2:22:19) und Aselefech Mergia (Äthiopien/2:22:38).
Der flache und teilweise kurvige Streckenverlauf des London-Marathons führt die Läufer durch die Bezirke Blackheath, Charlton sowie Woolwitch und später auf der berühmten Tower Bridge über die Themse, vorbei am Britischen Parlament bis hin zum Ziel am Buckingham Palast. Es ging die Rekordzahl von 36.946 Läufern bei Temperaturen um die 10 Grad Celsius an den Start – 162.000 Athleten hatten sich ursprünglich um eine Startnummer beworben.
Die deutsche Titelverteidigerin Irina Mikitenko (TV Wattenscheid), die in London einen Hattrick anstrebte, was in der Geschichte des Rennens zuvor lediglich zwei Athleten gelungen war (Dionicio Ceron und Katrin Dörre-Heinig), musste das Rennen aufgrund muskulärer Probleme bereits bei Kilometer 18 beenden. „Ich bin sehr enttäuscht, aber so etwas kann in einem Marathon passieren”, sagte 37-Jährige, die frühzeitig Muskelschmerzen im unteren Bereich des Schienbeins und des Sprunggelenks bekam. Die im anfänglichen Regen rutschigen Straßen verschlimmerten das Problem noch und bei Kilometer 15 blieb Irina Mikitenko kurzzeitig stehen. „Ich habe dann versucht, in einem etwas langsameren Tempo weiterzulaufen, aber es ging nicht”, sagte die Titelverteidigerin. „Das tut jetzt psychisch mehr weh als physisch.” In ihren fünf Marathonläufen zuvor war sie nie schlechter als Rang zwei platziert. 2008 und 2009 war Irina Mikitenko jeweils die schnellste Läuferin der Welt über die 42,195 km. Sie hatte zuletzt zweimal in London sowie 2008 mit einem deutschen Rekord in Berlin gewonnen (2:19:19 Stunden).
Unterdessen lagen auf dem Weg zum Ziel am Buckingham Palast acht Läuferinnen in Führung. Nachdem die Tempomacherin Aniko Kalovics (Ungarn) an der Halbmarathonmarke (70:56 Minuten) ausgestiegen war, übernahm Liliya Shobukhova die Führung und bestimmte fortan das Tempo. „Ich laufe lieber mein Rennen an der Spitze, auch wenn ich dadurch eine Art Tempomacherin für die anderen bin”, antwortete die 32-jährige Russin auf die Frage, warum sie frühzeitig nach vorne gegangen war.

Liliya Shobukhova dominierte an der Themse. © www.photorun.net
Nach Kilometer 30 (1:41:08 Stunden) löste sich die Spitzengruppe auf; auch Bai Xue, die chinesische Weltmeisterin von 2009, fiel zurück. Sie belegte schließlich in 2:25:18 Rang sieben. Zuvor waren bereits die Olympiasiegerin Constantina Dita (Rumänien) und die US-Rekordlerin Deena Kastor dem Tempo zum Opfer gefallen. An der 35-km-Marke waren dann noch vier Läuferinnen an der Spitze: Hinter Liliya Shobukhova liefen Inga Abitova und Aselefech Mergia sowie Bezunesh Bekele (Äthiopien), die am Ende in 2:23:17 Vierte wurde. Immer wieder erhöhte Liliya Shobukhova das Tempo und löste sich schließlich am Themseufer rund zwei Kilometer vor dem Ziel entscheidend. „Mein nächstes großes Ziel ist nun der Marathon-Olympiasieg in London 2012″, sagte die Russin.
In der aktuellen World Marathon Majors (WMM)-Serie, die Irina Mikitenko 2008 und 2009 jeweils gewann, hat Liliya Shobukhova nun die Führung von der Deutschen übernommen. Der Sieg der Russin in London kam nicht überraschend. Vor einem Jahr war die inzwischen 32-jährige 5.000-Meter-Europarekordlerin (14:23,75 Minuten) bei ihrem Marathondebüt auf Anhieb Dritte in London, im Oktober 2009 gewann sie dann den Chicago-Marathon vor der damals zweitplatzierten Irina Mikitenko.
Bei den Männern erreichte die Spitzengruppe die Halbmarathonmarke nach 63:06 Minuten. Es waren vor allen Tsegaye Kebede und der Marathon-Weltmeister von Berlin 2009, Abel Kirui (Kenia), die das Tempo hoch hielten. Der Olympiasieger und Titelverteidiger Sammy Wanjiru musste nach 27 km aufgrund eines Knieproblems aussteigen. In Folge des hohen Tempos fielen weitere Athleten zurück. Im Rennen durch die früheren Londoner Docks entwickelte sich schließlich ein Zweikampf. An der 30-km-Marke (1:28:46) lagen Tsegaye Kebede und Abel Kirui gemeinsam an der Spitze und hatten ihren Vorsprung zu Emmanuel Mutai auf sechs Sekunden ausgebaut.
Doch das Duell des Äthiopiers und des Kenianers sollte schon bald eine Vorentscheidung sehen. Bereits 10 km vor dem Ziel löste sich der 23-jährige Tsegaye Kebede. Bei den Olympischen Spielen von 2008 und bei den Weltmeisterschaften von 2009 hatte der Äthiopier jeweils Bronze gewonnen, in London belegte er vor einem Jahr den zweiten Platz vor Sammy Wanjiru. Jetzt lief er zum größten Erfolg seiner Karriere. „Ohne den Regen wäre ich vielleicht noch etwas schneller gewesen und hätte eine Zeit von unter 2:05 Stunden erreichen können”, sagte der Sieger, der seine Bestzeit von 2:05:18 Stunden um lediglich eine Sekunde verpasste. Hinter Emmanuel Mutai, Jaouad Gharib und Bouramdane Aberrahime (Marokko/2:07:33) wurde Abel Kirui schließlich Fünfter mit 2:08:04. Der Halbmarathon-Weltrekordler Zersenay Tadese (Eritrea) kam als Siebenter in 2:12:03 Stunden in Ziel.
In der WMM-Serie 2009-2010 konnte Tsegaye Kebede durch seinen Londoner Sieg zum führenden Sammy Wanjiru aufschließen. Beide haben vor den Herbstrennen in Berlin, Chicago und New York jeweils 50 Punkte.
Das Rennen entlang der Themse fand erstmals im März 1981 statt und hat sich seitdem nicht nur zu einem attraktiven Straßenlauf entwickelt, sondern beeindruckt auch durch karitatives Engagement. Mehr als Dreiviertel der Teilnehmer laufen für wohltätige Zwecke, und ein Drittel aller Startplätze (15.000) werden an über 750 Wohltätigkeitsorganisationen vergeben. Darüber hinaus erhalten weitere 550 Organisationen alle fünf Jahre ebenfalls einen garantierten Startplatz. Zusammen mit den Einnahmen aus der diesjährigen Veranstaltung werden voraussichtlich mehr als 500 Millionen Pfund (etwa 575 Millionen Euro) durch Charity-Läufer beim London-Marathon gesammelt worden sein. Zudem haben die Organisatoren des Marathons selbst über 35 Millionen Pfund (etwa 40 Millionen Euro) für ihre eigene Charity-Initiative eingenommen, die damit mehr als 850 Projekte wie beispielsweise den Bau von öffentlichen Sportanlagen unterstützt hat – dieses Engagement für karitative Zwecke ist beispiellos unter den Marathonläufen.