Tadesse ist das Maß für Bekele bei der Cross-WM

Kenenisa Bekele © www.photorun.net

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Wenn Kenenisa Bekele in dieser Woche nach Edinburgh reist, kommt er an Zersenay Tadesse nicht vorbei. Im Zentrum der Stadt hängt seit Mitte März ein 68 Meter breites und 18 Meter hohes Werbetransparent für die Cross-WM. Fixpunkt dieses Riesen-Plakates ist ein zwölf Meter hoher Tadesse, denn der Läufer aus Eritrea wird als Titelverteidiger in Schottland an den Start gehen. Dieses Bild weckt bei Kenenisa Bekele keine guten Erinnerungen.

Vor einem Jahr erlebte Kenenisa Bekele bei der Cross-WM in Mombasa (Kenia) eine der schwärzesten Stunden seiner Karriere. In 27 Crossrennen der höchsten Kategorie war Äthiopiens Ausnahmeläufer zuvor ungeschlagen. Und insgesamt fünfmal in Serie hatte er bei den Cross-Weltmeisterschaften sowohl die Mittel- als auch die Langstrecke, also zehn Goldmedaillen, gewonnen – das alleine ist einmalig in der Leichtathletik-Geschichte. Doch ausgerechnet in Kenia, im Land seiner schärfsten Rivalen, endete diese Erfolgsstory auf tragische Art und Weise. 800 Meter vor dem Ziel gab der Äthiopier damals aufgrund von Magenproblemen auf, nachdem ihm kurz zuvor Zersenay Tadesse die Führung abgenommen hatte. Es war ein Schock für Kenenisa Bekele.

Nach einem Jahr kommt es nun zur echten Revanche bei der Cross-WM. Die Generalprobe für dieses Rennen hatte Kenenisa Bekele gewonnen. Im Januar siegte er beim zur IAAF-Cross-Serie zählenden Lauf in Edinburgh mit einer Sekunde Vorsprung vor Zersenay Tadesse. Doch dieser Sieg ist wertlos, wenn der Äthiopier ihn nicht bei der WM wiederholt. „Für die Äthiopier haben die Cross-Weltmeisterschaften eine hohe Bedeutung. Dass Bekele im vergangenen Jahr nicht gewonnen hat, war eine Katastrophe“, erzählt Jos Hermens, der holländische Manager des 10.000-m-Olympiasiegers und Weltrekordlers. Durch die Aufgabe Bekeles war auch das Team in der Mannschaftswertung aus dem Rennen. Hier setzten sich die Kenianer durch.

Die Cross-WM und deren hoher Stellenwert in Äthiopien ist auch der Grund, warum Kenenisa Bekele bei der Hallen-WM vor kurzem in Valencia seinen 3.000-m-Titel nicht verteidigte (oder nicht verteidigen durfte?). „Kenenisa hat gut trainiert, es ist alles in Ordnung im Hinblick auf die Cross-WM“, sagt Jos Hermens und fügt hinzu: „In meinen Augen hätte er ohne Probleme auch in Valencia starten können – vor zwei Jahren hat er ja auch beides gewonnen, Halle und Cross. Das Problem ist, dass die Hallen-WM in Äthiopien nicht viel bedeutet. Die Funktionäre haben keine Ahnung von dem Wert dieser Titelkämpfe und können das nicht einschätzen.“

Ganz anders ist das offenbar, wenn Kenenisa Bekele als erster Läufer zum sechsten Mal die Langstrecke bei der Cross-WM gewinnen würde. Erst 25 Jahre alt, jagt Bekele gerne Superlative. Darunter sind auch die Weltrekorde seines ,Vorgesetzten’ Haile Gebrselassie. Erst im vergangenen Monat verbesserte er dessen Hallen-Weltbestzeit über zwei Meilen in Birmingham. Das Crosslaufen war nicht die Domäne des Haile Gebrselassie. Hier herrschte Paul Tergat mit fünf WM-Siegen in Folge auf der Langstrecke (1995 bis 1999). Diese fünf Siege schaffte Bekele auch: von 2002 bis 2006. Das Mittelstrecken-Gold nahm er dabei jeweils ,nebenbei’ mit. Doch nun geht es darum, mit Langstrecken-Sieg Nummer sechs endgültig Paul Tergat zu übertreffen.

„Wenn Kenenisa gut trainieren kann und dadurch gut in Form ist sowie zusätzlich verletzungsfrei bleibt, dann kann er alles gewinnen“, sagt Jos Hermens, der auch erzählt, dass sich Bekeles psychologische Situation aufgrund seiner Heirat im November 2007 beruhigt habe. Im Januar 2005 war seine damalige Verlobte während eines gemeinsamen Joggings im Wald zusammengebrochen und an Herzversagen verstorben. Schon im März verteidigte er damals seine Titel bei der Cross-WM, doch das Trauma verfolgte Kenenisa Bekele noch lange.

Im Olympiajahr wird Kenenisa Bekele voraussichtlich am 24.Mai in Hengelo auf die Bahn zurückkehren. „Vielleicht läuft er dann erst einmal die 5.000 Meter. Aber das werden wir in Edinburgh besprechen“, sagt Jos Hermens und fügt hinzu: „Von mir aus könnte Kenenisa in Peking auch einen Doppelstart über 5.000 und 10.000 Meter machen.“

Wann Kenenisa Bekele anfangen wird, auch im Straßenlauf Weltrekorde zu jagen und dabei speziell die Marathon-Bestleistung von Haile Gebrselassie steht noch nicht fest. „Ich persönlich fände es gut, wenn er damit bis nach den Olympischen Spielen von London 2012 warten würde“, sagt Jos Hermens, der auch Haile Gebrselassie betreut und diesem möglicherweise die Hauptdarstellerrolle im Marathon noch eine Olympiade lang lassen möchte. „Aber ich kann mir vorstellen“, sagt Hermens, „dass Kenenisa in zwei Jahren einen Marathon laufen möchte.“