Von Uta Pippig
Liebe Freunde,

© Bundesarchiv/Klaus Lehnartz
dieser Tage ist es 20 Jahre her, seit die Berliner Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 friedlich gefallen ist. Diese Stunden zählen zu den schönsten in der deutschen Geschichte. Die Jahre vergingen schnell und viele sind noch zu jung, um sich an dieses einmalige Ereignis zu erinnern. Andere wiederum werden diese unglaubliche Ausgelassenheit und Freude der Menschen in Ost- und Westberlin niemals vergessen: Tausende versammelten sich damals an der Mauer, während Millionen von Menschen auf der ganzen Welt diese Freude mit ihnen teilten. Was während dieser ersten Stunden in den Menschen vorging, lässt sich kaum mehr in Worte fassen und dass alles so friedvoll ablief, erstaunt uns heute so wie damals. Es waren Stunden vieler Tränen der Erleichterung, der Freude und Hoffnung – zutiefst bewegt blickten viele Menschen auf ein Leben im geteilten Deutschland zurück, während die Zukunft noch ungewiss vor ihnen lag.
Viele von Ihnen mögen sich an die Zeit erinnern, in der sich die Ereignisse im November 1989 und in den Monaten davor überschlugen: Die friedlichen Montagsdemonstrationen, die zunächst in Leipzig begonnen hatten und sich dann auch auf Berlin und andere ostdeutsche Städte übertrugen. Sie waren der Beginn des Umbruchs. Dann folgten dieser denkwürdige Tag, an dem die Berliner Mauer fiel, und die turbulenten Wochen nach der Grenzöffnung. Menschen in der ganzen Welt haben damals mit uns gefeiert und die Ereignisse auf ihren Fernsehgeräten verfolgt. Ich bin sicher, dass viele von Ihnen heute noch wissen, wo Sie gerade waren, als Sie zum ersten Mal die Nachricht hörten, dass die Mauer nach 28 Jahren, zwei Monaten und fast 28 Tagen schließlich gefallen war.

Grenzübergang Invalidenstraβe nach der Grenzöffnung. Datum: 10. November 1989. © Bundesarchiv/Klaus Lehnartz
Als mich die Nachricht über den Fall der Mauer erreichte, hielt ich mich gerade in einem Trainingslager in Kienbaum auf, nur 20 Kilometer östlich von Berlin gelegen. Zu dieser Zeit war ich noch Medizinstudentin und büffelte für eine Physikprüfung, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Das Radio lief leise und ich hörte in den Nachrichten etwas über die Bekanntgabe veränderter Reisebestimmungen bei einer Pressekonferenz. Später erfuhr ich, wie viele andere Ostdeutsche auch, dass Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros, eine neue Reiseregelung verkündete. Diese sollte allen Ostdeutschen mit sofortiger Wirkung erlauben, Privatreisen ins Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragen zu können. Ich dachte damals bei mir ‚Kann das wahr sein?’ Ich konnte es kaum erwarten am nächsten Morgen nach Berlin zu kommen. Die Physik-Abteilung der medizinischen Fakultät der Humboldt Universität lag in der Invalidenstraße, nur wenige hundert Meter entfernt von einem der Grenzübergänge nach Westberlin. Mit Staunen sah ich, wie unzählige Menschen von Ost- nach Westberlin strömten! Ich war vor Freude überwältigt. Als ich meinen Professor traf, sagte er mir, dass meine Kommilitonen schon auf dem Weg zur Mauer seien. Unsere Prüfung würde natürlich stattfinden – aber eben erst in ein paar Wochen. Heute, so meinte er, gebe es wichtigere Dinge zu tun – heute wird gefeiert! Dann haben wir uns hingesetzt und lange über die unglaublichen Ereignisse der vergangenen Nacht gesprochen. Über die Möglichkeiten. Über die Zukunft – unser aller Zukunft.

© Bundesarchiv/Heiko Specht
Die Wochen nach dem Fall der Mauer vergingen in rasantem Tempo. Jeder von uns erlebte sie mit anderen Gefühlen. Während viele sich darüber freuten, zum ersten Mal in ihrem Leben ungehindert reisen zu können, waren andere überglücklich darüber, Familienmitglieder zu treffen, von denen die Mauer sie so lange trennte. Viele Läufer eroberten neue Laufstrecken und rannten begeistert in die Freiheit. Doch es waren nicht nur die Laufstrecken durch die wundervollen Wälder in und um Berlin, die nun plötzlich für uns alle zugänglich waren; es gab auch einige großartige, neue Wettkämpfe, an denen wir Ostdeutschen nun teilnehmen konnten. Bereits am 12. November starteten einige Läufer aus Ostberlin beim traditionellen Westberliner Teufelsberg-Crosslauf. Kurz vor Weihnachten wurde das Brandenburger Tor dann geöffnet. So liefen am Morgen des 1. Januar 1990 Berliner aus dem Ost- und Westteil der Stadt gemeinsam mit den Läufern aus aller Welt den Berliner Neujahrslauf, der nun erstmals durch das Brandenburger Tor führte: Sechs Kilometer ohne Zeitmessung! Ein bewegender und friedvoller Lauf in die Freiheit! Monate später, Ende September 1990 – nur wenige Tage bevor Deutschland die Wiedervereinigung feierte, nahmen 25.000 Läufer am Wiedervereinigungs-Marathon in Berlin teil. Damals waren noch Mauerreste zu sehen, doch das minderte weder Glück noch Hoffnung der Läufer. Für uns und mehrere zehntausend Zuschauer, die damals die Straßen säumten, waren die Mauerteile vielmehr ein dramatisches Symbol dafür, was Menschen unseres Landes mithilfe vieler Freunde aus dem Ausland am Tag des Mauerfalls und in den Monaten danach auf friedliche Weise erreicht haben.

Besuch in Berlin im August © privat
Vergangenen Sommer verbrachte ich ein paar schöne Tage in Berlin zusammen mit meiner Familie und Freunden und erlebte vor Ort die großartigen Veranstaltungen der Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Der Marathon, mit Zieleinlauf am Brandenburger Tor, war für uns ein ganz besonderer Höhepunkt. Wir hatten auch Gelegenheit die Berliner Innenstadt zu besuchen. Bewegt liefen wir zum Teil an den Stellen entlang, an denen einst die Mauer gestanden hatte. Ihr Verlauf ist im Boden markiert, und sie ist noch spürbar, wenn man durch beide Teile der Stadt läuft – frei über die Grenzen hinweg, die einst so entmutigend waren. Berlin veränderte sich hier in den letzten Jahren so sehr, dass ich das Gefühl hatte, die Stadt wollte die Zeit der Mauer möglichst schnell vergessen.
Vielleicht haben Sie einmal die Gelegenheit, diese junge, pulsierende Metropole mit ihren aufgeschlossen und wundervollen Menschen zu besuchen und ihr neues Gesicht zu entdecken: beim Besuch der neuen Museen, wenn Sie sich in einem der vielen Cafes eine Ruhepause gönnen oder die tollen historischen Attraktionen bewundern.

© Bundesarchiv/Klaus Lehnartz
Und während wir nach vorne blicken und unser eigenes Leben gestalten, gibt es viele unter uns – besonders während der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag – die an das Leben der Anderen denken, an das Leben derer, die für ein einheitliches Land gekämpft und demonstriert haben – damals vor der Wende – und dafür Repressalien erleiden mussten. Wir mögen uns jetzt noch gut an diese Zeit erinnern, irgendwann wird sie jedoch vergessen sein und hoffentlich verziehen mit einem offenen und warmen Herzen. Für viele von uns hat sich das Leben in jenen Tagen, Wochen und Monaten nach dem Fall der Mauer verändert: Einige waren zutiefst erleichtert, andere blickten auf schwere Jahre zurück und sehr viele waren einfach nur glücklich darüber, Familie und Freunde wiederzusehen. Und wir denken auch an die Menschen unter uns, die noch immer mit den Wirren dieser Zeit und den Herausforderungen der Wiedervereinigung zu kämpfen haben; Ihnen wünsche ich viel Mut und Kraft für Ihre Zukunft.
Während meines letzten Berlinbesuchs lief ich auf einer meiner Lieblingswaldstrecken im Osten der Stadt. In Gedanken versunken erinnerte ich mich an die bewegende Zeit und an all die wundervollen Menschen, durch die diese friedvolle Wiedervereinigung erst möglich geworden war: die Leisen, die Lautstarken, die Politiker und diejenigen, die die Mauer Stück für Stück mit ihren eigenen Händen niedergerissen haben. Doch mein ganz besonderer Dank ging an die Menschen der Montagsdemonstrationen in Leipzig, durch die dieses historische Ereignis begann – sanft und zugleich kraftvoll mit den Worten: Wir sind ein Volk!
Im Namen des gesamten Take The Magic Step®-Teams, sende ich Ihnen meine besten Wünsche für viele Läufe in Freiheit.
Viel Spaß beim Laufen auf friedvollen Wegen!

Erschienen am 12. November 2009
