Von Jörg Wenig

Der Start des Frauenrennens in Houston. © www.photorun.net
Das US-Marathon-Olympiateam steht fest: Meb Keflezighi, Ryan Hall und Abdi Abdirahman sowie Shalane Flanagan, Desiree Davila und Kara Goucher qualifizierten sich in dem Ausscheidungsrennen für die Olympischen Spiele, die im Sommer in London stattfinden. Die Marathonläufe der Männer (12. August) und Frauen (5. August) gehören traditionell zu den Höhepunkten der Spiele. Die US-Trials sind in dieser Form im Marathon einmalig unter den großen Leichtathletik-Nationen. Für Läufer anderer Länder ist es beispielsweise möglich, sich bei einem der zugelassenen City-Marathonrennen zu qualifizieren. Die Ausscheidungen fanden am Samstag bei kühlen, aber insgesamt sehr guten Bedingungen im Rahmen des Houston-Marathons statt. 114 Männer und 191 Frauen rannten um eines der jeweils drei London-Tickets. Der internationale Chevron Houston-Marathon wurde einen Tag später gestartet.
Der US-Leichtathletik-Verband (USATF) hatte die Marathon-Trials für die Männer und Frauen, die bislang separat stattfanden, frühzeitig im Jahr angesetzt, um den Athleten damit eine möglichst langfristige Vorbereitungszeit für die Olympischen Spiele in London zu geben.

Meb Keflezighi feierte vor einem jubelnden Publikum seinen Sieg. © www.photorun.net
Es war lange Zeit Ryan Hall, im vergangenen Jahr hatte er sich in Boston auf die Weltklassezeit von 2:04:58 gesteigert, der das Feld des Männerrennens anführte. Dabei lief er Zwischenzeiten, die auf ein Ergebnis um 2:07 Stunden abzielten. Doch in der zweiten Rennhälfte wurde er müde und konnte das hohe Tempo nicht mehr halten. Dies trug dazu bei, daß auch die Spitzengruppe langsamer wurde.
Rund fünf Kilometer vor dem Ziel löste sich dann Meb Keflezighi, der als einziger noch an Ryan Hall dran bleiben konnte, und lief zum Sieg in einer persönlichen Bestzeit von 2:09:08 Stunden. Bemerkenswert an diesem Erfolg war auch, dass Meb nur 69 Tage zuvor beim ING New York-Marathon auf Rang sechs gelaufen war und dort mit 2:09:13 ebenfalls eine Bestzeit aufgestellt hatte. „Es ist eine Ehre, zum dritten Mal zum US-Olympia-Team zu gehören“, erklärte der 36-Jährige im Anschluss an das Rennen.
Während Ryan Hall in 2:09:30 Stunden Zweiter wurde, sicherte sich Abdi Abdirahman nach langwierigen Problemen mit einer Stressfraktur im rechten Bein das dritte London-Ticket mit 2:09:47. Für den 33-jährigen Abdi ist es bereits die vierte Olympia-Qualifikation seiner Karriere. Trotz einer Zeit unter 2:10 Stunden gelang Dathan Ritzenhein nicht der Sprung in das US-Team. Er wurde in 2:09:55 Stunden Vierter. Erstmals blieben vier Athleten unter 2:10 Stunden. Rang fünf belegte Brett Gotcher mit 2:11:06.

Shalane Flanagan gewinnt den Marathon der Frauen. © www.photorun.net
Im zweiten Marathon ihrer Karriere gelang Shalane Flanagan der erste Sieg und zudem ein US-Olympia-Trials-Rekord. Nach 2:25:38 war die 30-Jährige im Ziel. „Das ist ein Traum“, erklärte die Amerikanerin nach der erfolgreichen Qualifikation.
Eine anfangs neunköpfige Spitzengruppe hatte sich bis zur 25-Kilometer-Marke auf vier Läuferinnen reduziert. Neben Shalane Flanagan liefen Desiree Davila und Kara Goucher sowie Amy Hastings, die zweimal den Kontakt verlor. Nach dem ersten Mal kämpfte sie sich wieder heran, doch nach 32 km fiel sie endgültig zurück und wurde schließlich Vierte in 2:27:17 Stunden. Es war dann Kara Goucher, die an der Spitze nicht mehr mithalten konnte, jedoch als Dritte mit 2:26:06 die Qualifikation schaffte. Die Entscheidung um den Sieg fiel erst zwei Kilometer vor Schluss, als sich Shalane Flanagan von Desiree Davila lösen konnte. Während Desiree in 2:25:55 Zweite wurde, sagte die Siegerin: „Die letzte Meile war kein Vergnügen, sie fühlte sich sehr lang an. Aber ich bin froh, dass ich mit den anderen beiden zum US-Olympia-Team gehöre.“ Zum ersten Mal blieben bei den US-Trials fünf Läuferinnen unter 2:30 Stunden. Janet Cherobon-Bawcom wurde mit 2:29:45 Fünfte. Auf Rang sechs folgte die US-Rekordlerin und Olympia-Dritte von 2004, Deena Kastor (2:30:40).
Tariku Jufar und Alemitu Abera triumphieren mit Streckenrekordzeit beim Houston-Marathon

Mit seinem Sieg krönte Tariku Jufar das Marathonwochenende. © www.photorun.net
Am Tag nach den spannenden US-Marathon-Olympia-Trials stand der Chevron Houston-Marathon dem Wettbewerb vom Samstag nicht nach. Bei dem Straßenrennen mit einem internationalen Elitefeld fielen bei guten Wetterbedingungen mit Temperaturen von rund 12 Grad Celsius beide Streckenrekorde. Dabei dominierten jeweils äthiopische Läufer die Entscheidungen: Tariku Jufar gewann in 2:06:51 Stunden, seine Landsfrau Alemitu Abera siegte mit 2:23:14 Stunden.
Der 27-jährige Tariku Jufar hatte sich rund fünf Kilometer vor dem Ziel von seinem letzten verbliebenen Verfolger, seinem Landsmann Debebe Tolossa, gelöst. Am Ende unterbot er den bisherigen Streckenrekord um 13 Sekunden und erzielte die erste Zeit unter 2:07 Stunden in Houston. Es ist zudem eine persönliche Bestzeit für Tariku, der 2008 in Hamburg als Dritter 2:08:10 gelaufen war. 2009 wurde der äthiopische Läufer in Addis Abeba von einem Auto angefahren und brach sich dabei unter anderem das Schlüsselbein. Nun feierte er in Houston den bisher größten Sieg seiner Karriere. Debebe Tolossa wurde Zweiter in 2:07:41, Demssew Tsega machte den äthiopischen Dreifach-Triumph nach 2:11:13 perfekt.
Im Rennen der Frauen lief Alemitu Abera zu einem souveränen Sieg. Die größte Gegnerin der äthiopischen Athletin war in Houston am Sonntag die Uhr. Begleitet von einem männlichen Tempomacher erreichte sie schließlich 2:23:14 Stunden. Damit unterbot die 26-Jährige ihre eigene Bestzeit gleich um über drei Minuten und den bisherigen Streckenrekord um 39 Sekunden. Die frühere australische Crosslauf-Weltmeisterin Benita Willis wurde Zweite in 2:28:24 und dürfte sich damit für den olympischen Marathon qualifiziert haben. Rang drei belegte Yihunlish Delelecha (Äthiopien) mit 2:31:19.
Auch im parallel stattfindenden Halbmarathonrennen gab es gute Siegzeiten durch zwei äthiopische Läufer: Feyisa Lilesa steigerte sich als Gewinner des Männerlaufes auf 59:22 Minuten und verbesserte den Streckenrekord des US-Amerikaners Ryan Hall um 21 Sekunden. Bei den Frauen setzte sich Oljira Belaynesh in der Kursbestzeit von 68:26 Minuten durch – Shalane Flanagan hatte 2010 mit der vorherigen Bestzeit von 69:41 gewonnen. Nach einem spannenden Zweikampf lag Oljira im Ziel lediglich zwei Sekunden vor der Kenianerin Caroline Kilel.
Insgesamt gingen bei der 40. Auflage des Chevron Houston-Marathons und der 12. Auflage des Aramco Houston-Halbmarathons über 17.500 Läufer an den Start.