Unsere Vorschau auf die anstehenden Europameisterschaften in Barcelona

Von Jörg Wenig

Spannende Lauf-Entscheidungen werden bei den Leichtathletik-Europameisterschaften erwartet, die am Dienstag in Spanien beginnen. Während es im Olympiastadion von Barcelona über die 5.000 und 10.000 Meter mit dem Briten Mo Farah und der Türkin Elvan Abeylegesse recht klare Favoriten gibt, sind die Marathonrennen der Männer und Frauen völlig offen.

Marathon der Männer

Jose Manuel Martinez könnte als stärkster spanischer Marathonläufer in Barcelona ins Ziel kommen. © www.photorun.net

Jose Manuel Martinez könnte als stärkster spanischer Marathonläufer in Barcelona ins Ziel kommen. © www.photorun.net

Am Schlusstag der Europameisterschaften wird am kommenden Sonntag der Marathon der Männer gestartet. In dem offenen Rennen haben knapp 20 Athleten Chancen auf die Medaillen. Genau wie tags zuvor bei den Frauen beginnt der Lauf über die 42,195 Kilometer um 10:05 Uhr, so dass die Athleten in die Mittagshitze hinein rennen werden. Dadurch ist der Ausgang des Rennens noch schwerer vorherzusehen. Entscheidend wird sein, wer mit der Hitze gut klar kommt und nach einem voraussichtlich lange Zeit eher verhaltenen Tempo auf dem letzten Abschnitt in der Lage ist, eine gute Grundschnelligkeit umzusetzen.

Die drei schnellsten Läufer im Feld – gemessen an den persönlichen Bestzeiten – weisen jeweils Ergebnisse von unter 2:08 Stunden auf. An ihre besten Zeiten sind Stefano Baldini, Viktor Röthlin und José Rios seit einiger Zeit nicht mehr herangekommen. So wäre es eine Überraschung, wenn sie in Barcelona in den Medaillenkampf eingreifen könnten. Titelverteidiger Stefano Baldini hatte seine Marathon-Karriere eigentlich nach Olympia 2008 beendet. Doch der Italiener – Olympiasieger im Marathon 2004 – startet noch einmal zu einem Comeback, so dass es schwer sein wird ganz vorn dabei sein zu können. Der Schweizer Viktor Röthlin war 2007 und 2008 der stärkste europäische Marathonläufer, hatte dann jedoch große gesundheitliche Probleme.

Am ehesten ist aus dem schnellen Trio vielleicht noch José Rios zuzutrauen, in den Medaillenkampf einzugreifen. Der 36-jährige Spanier lief seinen schnellsten Marathon 2004 mit 2:07:42. Im vergangenen Jahr war der WM-Sechste über 10.000 m von 2001 Zweiter beim Marathon in Lake Biwa (Japan) mit 2:10:36. Die Spanier werden mit sechs Athleten an den Start gehen, was aufgrund der Europa-Cup-Teamwertung möglich ist. Jose Manuel Martinez (Bestzeit: 2:08:09 Stunden) könnte der stärkste von ihnen sein.

Auch die Portugiesen werden bei den zu erwartenden hohen Temperaturen sicherlich zu beachten sein. Alberto Chaica ist ihr voraussichtlich stärkster Läufer, mit einer Bestzeit von 2:09:25. Ebenfalls eine Rolle spielen könnten die Italiener Daniele Caimmi (Bestzeit: 2:08:59) und Ruggero Pertile (2:09:53) sowie die beiden Polen Henryk Szost (2:10:27) und Adam Draczynski (2:10:49).

Wenn es am kommenden Sonntag nicht zu heiß ist, kann es auch der Tag von Günther Weidlinger werden. Beim Wien-Marathon im April litt der Österreicher unter einem Wadenproblem und kam dennoch in 2:14:05 Stunden ins Ziel. In Frankfurt hatte er im vergangenen Oktober mit 2:10:47 dagegen eine überzeugende Leistung gezeigt, die eher als Maßstab dient.

Es sollte angesichts der zahlreichen Läufer mit Chancen auf einen Podiumsplatz ein spannendes EM-Rennen werden. Für die drei deutschen Starter Falk Cierpinski (SG Spergau/Bestzeit: 2:13:30), Martin Beckmann (LG Leinfelden-Echterdingen/2:13:42) und Tobias Sauter (SG Spergau/2:17:27) wäre ein Rang unter den besten 25 schon ein großer Erfolg.

Marathon der Frauen

Kann Anna Incerti mit einem EM-Sieg im Marathon die bisher größte Leistung ihrer Karriere erzielen? © www.photorun.net

Kann Anna Incerti mit einem EM-Sieg im Marathon die bisher größte Leistung ihrer Karriere erzielen? © www.photorun.net

Eine der besten Marathonläuferinnen Europas startet bei den kontinentalen Titelkämpfen über eine andere Strecke: Liliya Shobukhova wird am Mittwoch die 10.000 Meter rennen und sich danach auf ihre Titelverteidigung beim Bank of America Chicago-Marathon vorbereiten. Gewinnt die Russin im Oktober in den USA, ist sie auch die Siegerin der World Marathon Majors (WMM).

Die Favoritinnen kommen am Samstag aus drei Ländern: Russland, Italien und Portugal. Die Russinnen sind bei Meisterschafts-Marathonrennen meist stark. Die 40-jährige Irina Timofeyeva hat eine Bestzeit von 2:24:14 Stunden und belegte vor zwei Jahren beim Olympia-Marathon einen starken siebenten Platz. Ihre beiden Landsfrauen Tatyana Pushkareva (Bestzeit: 2:26:14) und Silviya Skvortsova (2:26:24) sind wohl stärker einzuschätzen.

Zu beachten sind die Italienerinnen, die mit der früheren Wien-Marathon-Siegerin Rosaria Console (Bestzeit: 2:26:45 als Vierte des real,- Berlin-Marathons 2009), Anna Incerti (2:27:42) und Deborah Toniolo (2:28:31) antreten. Anna Incerti galt nach einem starken Jahr 2008 als die große italienische Hoffnung im Marathon. Nach einem beachtlichen 14. Platz bei Olympia gewann sie den Mailand-Marathon mit ihrer noch aktuellen Bestzeit. 2009 musste die 30-Jährige jedoch Rückschläge hinnehmen. Bei der EM könnte sie dennoch – ebenso wie Rosaria Console – eine gute Rolle spielen.

Eine Läuferin, die ebenfalls zu den Favoritinnen zählt, ist Marisa Barros. Die Portugiesin steigerte sich im Januar als Zweite beim Osaka-Marathon auf 2:25:44 Stunden. Portugal schickt außerdem Ana Dias (2:28:49) und die 41-jährige Fernanda Ribeiro (2:29:48), die 10.000-m-Olympiasiegerin von 1996, ins Rennen. Die 36-jährige Rumänin Lidia Simon ist mit 2:22:54 Stunden die Athletin mit der schnellsten Bestzeit im Feld. Dieses Ergebnis erzielte sie jedoch bereits vor zehn Jahren.

Eine deutsche Läuferin wird beim EM-Marathon nicht an den Start gehen, denn die Sensations-Siegerin von Göteborg 2006, Ulrike Maisch (LAV Rostock), ist in diesem Frühjahr nach immer wieder neuen Verletzungsproblemen keinen Marathon gelaufen und konnte sich daher nicht qualifizieren.

Die Bahn-Langstreckenrennen der Männer

Mo Farah (Mitte) ist der Topfavorit über 10.000 m. © www.photorun.net

Mo Farah (Mitte) ist der Topfavorit über 10.000 m. © www.photorun.net

Mo Farah will am Eröffnungstag der EM eine historische Lücke schließen. Trotz der großen Langstrecken-Tradition hat noch nie ein britischer Läufer den kontinentalen Titel über 10.000 m gewonnen. Wenn am Dienstag in Barcelona das 10.000-m-Finale gestartet wird, möchte der Engländer diese Goldmedaille gewinnen.

Der 27-Jährige geht als großer Favorit ins Rennen. Mo Farah führt die europäische Jahresbestenliste mit einer Zeit von 27:28,86 Minuten vor seinem überraschend starken Landsmann Chris Thompson (27:29,61) an. Vielleicht können die Briten also sogar zu zwei Medaillen laufen. In der 10.000-m-EM-Geschichte haben sie insgesamt bisher nur je zwei Silber- und Bronzemedaillen gewonnen.

Mo Farah, der im Juni souverän den Europa-Cup über 10.000 m für sich entschied, dürfte während der zweiten Rennhälfte notfalls selbst dafür sorgen, dass das Tempo so schnell wird, dass er die besten Karten hat. Von den 5.000 m kommend – hier war er vor einem Jahr bei der WM als bester Europäer Siebenter –, hat er eine sehr starke Grundschnelligkeit.

Stark einzuschätzen sind sicherlich die iberischen Läufer, zumal sie die Hitze gewöhnt sind. Der aktuelle spanische 10.000-m-Meister Ayad Lamdassem dürfte die besten Chancen auf eine Medaille haben. Rui Silva ist der stärkste portugiesische Starter. Eine gute Rolle könnte aber auch der junge Italiener Andrea Lalli spielen.

Jan Fitschen (TV Wattenscheid) meldet sich rechtzeitig wieder zurück. Bei den Europameisterschaften von 2006 sorgte er für eine der größten Überraschungen während der Titelkämpfe. Doch seitdem war Jan immer wieder verletzt. Jetzt schaffte er neben Christian Glatting (TV Wattenscheid) und Filmon Ghirmai (LAV Asics Tübingen) die Qualifikation und führt mit 28:32,20 Minuten die deutsche Jahresbestenliste an. Doch die starke Konkurrenz der Briten und Südeuropäer lässt vermuten, dass es für Jan Fitschen schwer wird, sich unter den Top 10 zu platzieren.

Nach dem 10.000-m-Finale wird Mo Farah entscheiden, ob er auch über 5.000 m antritt. Geht er an den Start, gehört er über diese Distanz ebenfalls zu den Favoriten. Dabei könnte es zu einem neuen Aufeinandertreffen mit dem Spanier Alemayehu Bezabeh kommen. Bei der Cross-EM im vergangenen Dezember hatte Bezabeh vor Farah triumphiert. Bei den Männern ist der Spanier die größte Gold-Hoffnung der EM-Gastgeber über die Langstrecken. Allerdings haben die Spanier auch Sergio Sanchez im Rennen, der in der Hallensaison über 3.000 m überraschte und Vize-Weltmeister in der Halle wurde.

Alemayehu Bezabeh führt mit einer Zeit von 12:57,25 Minuten die europäische Jahresbestenliste vor Mo Farah (13:05,66) an. Ein gutes halbes Dutzend Läufer folgt mit Saisonbestzeiten zwischen 13:11 und 13:24 Minuten. Sie haben ebenfalls Medaillenchancen.

Als einziger deutscher Starter hat sich Arne Gabius (LAV Asics Tübingen) für die EM qualifiziert. Das Finale zu erreichen, ist ein realistisches Ziel für den von Dieter Baumann trainierten Läufer. Im Endlauf sind die Chancen für eine vordere Platzierung allerdings gering.

Die Bahn-Langstreckenrennen der Frauen

Elvan Abeylegesse dürfte über 10.000 m nicht zu schlagen sein. © www.photorun.net

Elvan Abeylegesse dürfte über 10.000 m nicht zu schlagen sein. © www.photorun.net

Vor zwei Jahren gewann Elvan Abeylegesse bei den Olympischen Spielen zwei Langstrecken-Medaillen. Sowohl über 5.000 als auch über 10.000 m wurde die Türkin als Zweite dabei nur geschlagen von Tirunesh Dibaba (Äthiopien). In Barcelona will Elvan Abeylegesse nun zwei Goldmedaillen anpeilen: Sie steht sowohl auf der Startliste der 10.000 m am Mittwoch als auch der über 5.000 m. Hier findet das Finale am Sonntag statt.

Im 10.000-m-Rennen gibt es für die deutschen Läufer die einzige Chance auf eine Medaille: Sabrina Mockenhaupt (Kölner Verein für Marathon) trägt am Mittwoch die Hoffnungen. Doch eine Reihe von Konkurrentinnen bewegen sich in ihrem Leistungsvermögen und werden mit ihr um die Medaillen kämpfen.

Elvan Abeylegesse, die bisher in dieser Saison noch kein 10.000-m-Rennen gelaufen ist, aber schon zu Beginn des Jahres angekündigt hatte, bei der EM über diese Strecke starten zu wollen, ist die ganz große Favoritin. Die Europarekordlerin und viertschnellste Läuferin aller Zeiten über die 25-Runden-Distanz (Bestzeit: 29:56,34) könnte aufgrund ihres Vermögens auch von der Spitze weg zum Sieg laufen und für ein flottes Tempo sorgen.

In einem schnellen Rennen wird die Jagd auf eine Medaille für Sabrina Mockenhaupt (Kölner Verein für Marathon) schwerer werden. Zumal die Portugiesinnen, auch unabhängig von Abeylegesse, sich gegenseitig mit wechselnder Tempoarbeit helfen könnten. Während Ines Monteiro (Portugal) mit 31:13,58 Minuten klar die europäische Jahresbestenliste anführt, ihr Start allerdings nicht sicher ist, liegen ihre Landsfrauen Jessica Augusto (31:19,15) und Sara Moreira (31:26,55) im Bereich von Sabrina Mockenhaupt, die in diesem Jahr bisher 31:23,86 erreichte. Ebenfalls zu beachten sein werden die beiden russischen Marathonläuferinnen Liliya Shobukhova und Inga Abitova. Dieses Finale kann sehr spannend werden.

Auch über 5.000 m ist Elvan Abeylegesse die schnellste gemeldete Läuferin (Bestzeit: 14:24,68). Drei weitere Athletinnen haben hinter Elvan die besten Chancen im Kampf um die Silber- und Bronzemedaillen: Jessica Augusto, die wie Abeylegesse einen Doppelstart anstrebt, sowie Mariya Konovalova (Russland) und Alemitu Bekele (Türkei). Gespannt sein darf man in Barcelona auf Karoline Grovdal. Die junge Norwegerin ist über 5.000 und 10.000 m gemeldet. Im vergangenen Dezember gewann sie bereits den Juniorentitel bei der Cross-EM.