Ein Interview mit Uta Pippig

© Betty Shepherd
Sinnvolle Ziele sind der Schlüssel zu lang anhaltender Motivation, und sie sind eine große Hilfe, das Beste aus sich heraus zu holen. Aber was ist ein sinnvolles Ziel? Inwiefern haben Ziele mit unseren Wünschen und Sehnsüchten zu tun? Und wenn ich mir erst einmal ein sinnvolles Ziel gesetzt habe, was kann ich dafür tun, es auch tatsächlich zu erreichen? Was kann ich tun, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen? Das folgende Interview mit Uta kann Ihnen helfen, Antworten auf diese wichtigen Fragen zu finden.
Lass uns mit einer grundlegenden Frage beginnen: Warum sollten wir uns überhaupt die Mühe machen, uns Ziele zu setzen? Was hat das mit Motivation zu tun?
Ein sinnvolles Ziel gibt uns eine Richtung vor. Es schenkt uns eine Struktur für die Zukunft, damit wir fokussiert und motiviert bleiben. Ziele helfen uns, den magischen Schritt vor die Tür zu machen.
Wie würdest Du ein sinnvolles Ziel definieren?
Ein sinnvolles Ziel sollte so spezifisch wie möglich sein. Wenn du dir sagst: „Ich möchte fit werden!“, dann ist das mehr ein Wunsch als ein Ziel. Es mag sich wie eine Vision anfühlen: Ein Wunsch, etwas in deinem Leben zu ändern – wie eben der Wunsch, fit zu werden. Und es ist leicht, solch einen Wunsch zu äußern, aber schwer zu bestimmen, wie du ihn in die Tat umsetzen kannst. Um einen Wunsch wahr werden zu lassen, brauchen die meisten von uns ein genaues Ziel: „Ich will in den nächsten zwei Monaten fünf Kilo abnehmen“ oder „In zwei Monaten werde ich drei- bis fünfmal pro Woche Sport treiben.“ So hast du zunächst den Wunsch, fit zu werden, und dann ein spezifisches Ziel, wie sich dieser Wunsch verwirklichen lässt. Das wiederum führt zu anderen detaillierten kurzfristigeren Zielen. Um in zwei Monaten fünfmal pro Woche zu trainieren, könntest du doch in dieser Woche schon einmal mit einer Trainingseinheit anfangen.
Wichtig sind möglichst realistische Ziele. Um es noch einmal zu betonen: Setze dir einige kleine Ziele, die dir helfen, auf das große Ziel hinzuarbeiten. Wenn du zum Beispiel einen 5-km-Lauf in einer bestimmten Zeit laufen willst, dann ist dies das große Ziel. Das behältst du im Hinterkopf. Aber in den Wochen und Monaten, in denen du darauf hinarbeitest, planst du erreichbare, kurzfristige Abschnitte, die dich dem großen Ziel näher bringen. In diesem Fall lässt sich zunächst daran arbeiten, die Ausdauer zu erhöhen, so dass die 5-km-Strecke kein Problem mehr ist. Danach könntest du dein Trainingsprogramm um ein Tempotraining erweitern, so dass du die Strecke schneller zurücklegst – und so weiter und so fort. Jeder noch so kleine Schritt wird dich näher zum Ziel führen.
Und wie ist das im Allgemeinen? Woher weiß ich, dass das Ziel, das ich mir gesetzt habe, auch das Richtige für mich ist?
Wenn du beginnst, dir Gedanken über deine Ziele zu machen, sollte dir klar sein, was du wirklich willst. Das wird dir helfen, das richtige Ziel festzulegen und zudem später ermöglichen, deinen Plan auch wirklich umzusetzen. Du solltest eine gewisse Leidenschaft für dein Ziel empfinden. Darüber hinaus ist es gut, sich darüber bewusst zu werden, ob der Wunsch von innen kommt oder durch äußere Einflüsse bestimmt ist. Ein Kind könnte zum Beispiel sagen, dass es eine Meile in einer bestimmten Zeit laufen möchte. Aber dieser Wunsch könnte daher rühren, dass es annimmt, dass seine Eltern das so wollen. Daher ist es extrem wichtig, dass du dich selbst fragst: Ist das wirklich das, was ich selbst will? Kommt dieses Ziel wirklich ganz von innen, von mir selbst? Das soll nicht heißen, dass die Eltern nicht einen positiven Einfluss ausüben sollten, um damit das Kind zu motivieren.
Okay, sagen wir, ich habe mir ein Ziel gesetzt, das Deiner Definition entspricht: Es ist spezifisch, realistisch und für mich persönlich sehr bedeutend. Was dann?
Der nächste Schritt ist, dein Ziel in die Tat umzusetzen. Was könnte dir dabei helfen? Ein Trick ist, das Ziel festzuhalten, es zu notieren. Es ist erwiesen, dass man eine Verbindung zwischen seinem Bewusstsein und Unterbewusstsein aufbaut, wenn man etwas aufschreibt. Dadurch wird das Ziel lebendiger und greifbarer. Auch kann es hilfreich sein, wenn du einem Freund oder jemandem aus der Familie von deinem Vorhaben erzählst – vielleicht jemandem, der dich auf dem Weg zum Erreichen des Zieles begleiten könnte.
Darüber hinaus ist es ratsam, deinen Schwerpunkt im Leben zumindest kurzzeitig zu verlegen und dir die Zeit zu nehmen, die du zur Realisierung deines Zieles benötigst. Vielleicht musst du dir mehr Zeit einräumen, um häufiger trainieren zu können. Oder du strukturierst deinen Arbeitstag so, dass du die Mittagspause auf 90 Minuten ausdehnst und dafür früher zur Arbeit kommst oder später gehst. Und sobald du dich entschieden hast, inwiefern du den Tagesablauf änderst, solltest du den Leuten Bescheid sagen, die davon betroffen sind. Die Familie sollte wissen, dass du nun am Morgen häufiger früher aufstehst, die Arbeitskollegen sollten darüber informiert sein, dass du länger arbeiten wirst, um die Zeit, die du dir am Mittag fürs Training nimmst, wieder auszugleichen.
Ein guter Trick ist auch, dir vorzustellen, wie gut du dich fühlen wirst, wenn du dein Ziel erreicht hast. Das wird dir helfen, dieses Ziel klarer vor Augen zu haben, das wird dir mehr Kraft, Zielstrebigkeit und Motivation geben.
Ein weiteres Hilfsmittel habe ich beim Yoga gelernt: Die kleinsten Veränderungen können die größten Auswirkungen haben. Wir haben feste Gewohnheiten, die nur schwer abzulegen sind. Sie sind hartnäckig und Teil unseres Charakters geworden. Und dennoch wollen wir uns von ihnen lösen. Yoga lehrt uns, dass kleine Veränderungen langsam einsetzende Folgen haben können, die letzten Endes einen enormen Unterschied machen können. Wenn du bereits weißt, was du verändern willst, dann beginnst du damit in kleinen Schritten, denn sogar diese werden dich weit bringen.
Zum Beispiel: Du fühlst dich ausgebrannt, das Leben bereitet dir keine Freude mehr, du hast kaum Zeit für dich. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, machst du einen kleinen Schritt. Du brauchst nur eine Stunde pro Woche, in der du machen kannst, was immer du willst – vielleicht einen leckeren Tee trinken, dich dabei erholen oder vielleicht etwas tun, wofür du bisher keine Zeit hattest.
Du musst erleben, wie es sich anfühlt, diesen Kreislauf zu durchbrechen – Schritt für Schritt. Und wie es ist, wenn du dich langsam wegbewegst von dort, wo du gerade bist, hin zu dem Punkt, an dem du einmal sein möchtest. Oder sagen wir, das große Ziel heißt, fünfmal in der Woche Sport zu treiben. Wenn du derzeit gar nicht trainierst, kann dich dieses Ziel anfangs überfordern. Aber wie wäre es, wenn du zunächst einmal pro Woche trainierst? Und was, wenn du es dann sogar schaffst, zweimal pro Woche Sport zu treiben?
Welche Charaktereigenschaften könnten hilfreich sein, um eigene Ziele auch wirklich zu erreichen?
Die Fähigkeit, sich von Ideen und Zielen inspirieren und begeistern zu lassen. Aber genauso wichtig ist es, dass du ehrlich zu dir selbst bist und erkennst, ob du dich tatsächlich deinem Ziel näherst oder auf der Stelle trittst. Letzteres kann passieren, ohne dass wir es merken – obwohl uns vielleicht Freunde darauf hinweisen. Daher ist es wichtig, dass du dich selbst und deine Fortschritte einschätzen kannst und außerdem bestimmen kannst, warum du vielleicht gerade nicht weiterkommst. Die eigenen Ziele anzupassen, muss keine Niederlage bedeuten. Im Gegenteil: Kleine Änderungen auf dem Weg werden es ermöglichen, sich weiter zu entwickeln.
Überdies ist es wichtig zu akzeptieren, dass du möglicherweise einige Dinge aufgeben musst, um dein Ziel zu erreichen. Wenn du dir vorgenommen hast, häufiger zu trainieren, dann nimm dir einfach die Zeit dafür. Wenn es dein Ziel ist, mit einem guten Frühstück in den Tag zu starten, so dass du für den Rest des Tages voller Energie und Tatkraft bist, dann plane den Morgen so, dass du auch die Zeit dafür findest.
Und was ist, wenn ich zum Beispiel eine Zeit lang gute Fortschritte mache, aber dann plötzlich stagniere. Was sollte ich tun?
Wenn du deine kurzfristigen Ziele nicht erreichen kannst, dann versuche bitte nicht krampfhaft daran festzuhalten. Das Ganze sollte dir auch Spaß machen, es sollte etwas sein, das du gerne machst. Ein Hauptgrund, weshalb wir unser großes Ziel oft nicht erreichen, ist, dass wir bei Zwischenetappen auf halbem Wege stecken bleiben. Zum Beispiel: Du schaffst es einfach nicht, eine bestimmte Distanz zu laufen, obwohl du gerade die Ausdauer erhöhen willst. Dann passe dein kurzfristiges Ziel dem doch einfach an und unterteile es in noch kleinere Ziele. Statt zu versuchen, die Strecke von drei Meilen auf fünf zu erhöhen, erhöhst du sie eben von drei auf vier Meilen, oder sogar nur auf 3,5.
Und auch wenn du eigentlich gute Fortschritte machst, kann es nicht schaden, von Zeit zu Zeit inne zu halten und zu überlegen: Motiviert mich mein Ziel eigentlich noch? Bin ich immer noch aufgeregt, wenn ich mir vorstelle, mein Ziel zu erreichen?
Wie könnte das aussehen, wenn wir unsere Ziele anpassen – kannst Du ein Beispiel geben?
Zwei Beispiele: Wenn ich an einem Tag aufwache und mich nicht gut fühle, ändere ich meine Ziele für diesen Tag in Bezug auf mein Training und meine Arbeit. Ich strukturiere meinen Tag einfach um, so dass ich meinem Befinden zwar nachgebe, aber dennoch alles Notwendige erledige.
Und dann noch ein Beispiel aus meinen professionellen Läuferzeiten: Es war vor dem 15-km-Lauf bei der Weltmeisterschaft 1991. Sechs Wochen zuvor verletzte ich mich und konnte nicht mehr wie geplant trainieren. Aber da es ein Mannschaftswettbewerb war, wollte ich trotzdem teilnehmen. So habe ich mein ursprüngliches Ziel für das Rennen reduziert – ich wollte nun nur noch dem Team helfen, so gut es eben ging. Das hat den Druck von mir genommen, unbedingt gegen meine Verletzung ankämpfen zu müssen. Zudem hat es mir geholfen, neue kurzfristige Ziele zu setzen: Ich habe meinen Trainingsplan geändert und Wassertraining (in Form von Wasserlaufen) integriert, so dass ich meine Verletzung auskurieren konnte und dennoch fit für die WM war. Das hat prima geklappt: Ich wurde Dritte im Einzelwettbewerb und mit der Mannschaft haben wir sogar gewonnen – wir waren vollauf zufrieden.
Jeder kann sich vorzustellen, wie Du Dir ein Ziel setzt wie zum Beispiel „Ich will in diesem Jahr den Boston Marathon gewinnen.“ Aber wie sieht es in anderen Lebensbereichen aus? Hast Du ein Beispiel für ein vom Wettkampf unabhängiges Ziel, das Du Dir gesetzt hast?
Ich habe Probleme, früh ins Bett zu gehen. Daran arbeite ich schon sehr lange. Da ich oft auf Reisen bin, ist es meist schwierig, einen festen Tagesrhythmus einzuhalten. Wenn ich also unterwegs bin, nehme ich mir vor, mich innerhalb von drei oder vier Tagen der neuen Zeit anzupassen und von da an jeden Abend rechtzeitig ins Bett zu gehen. Um dieses Ziel zu erreichen, setze ich mir eine Zeit, zu der ich ins Bett gehen will. Und dann plane ich meinen Tag – die Arbeit, das Training, die Termine – so, dass ich alles erledigen kann, ohne noch spät in der Nacht arbeiten zu müssen.