The Fit Life: Laufen in die Freiheit

Dieser Artikel wurde von Scott Douglas geschrieben, Mitglied des Take The Magic Step®-Teams. Scott ist Koautor von vier Laufbüchern und schreibt regelmäßig Beiträge für das Magazin Runner’s World.

© Stacey Cramp

© Stacey Cramp

Neulich passierte es wieder. Als ich an ein paar Jugendlichen vorbeirannte, die vor einem kleinen Geschäft herumlungerten, riefen sie mir – wie schon einmal zuvor – hinterher: „Links, zwo, drei, vier, links, zwo, drei, vier.“ Und wieder einmal dachte ich, wie schade es doch sei, dass sie so ein negatives Bild vom Laufen haben. Denn mich hat es mehr befreit, als ich mir das jemals erträumt hätte, damals im Jahr 1979, als ich mit dem Laufen begann und ungefähr so alt gewesen sein muss wie meine Möchte-Gern-Drill-Offiziere. Jener Tag, als sie mich mit ihrem ,Marschbefehl’ begleiteten, war ein typischer Tag mit Terminen, Telefonaten und Dutzenden von diesen Bitte-sofort-erledigen-E-Mails. Doch statt nur ein weiterer Pflichtpunkt auf der täglichen „To-do-Liste“ zu sein, war der Lauf tatsächlich eine Befreiung, eine Zeit, meine Umwelt zu erkunden. Das hatte rein gar nichts mit dem Zwang zu tun, der mit Kommandos wie „links, zwo, drei, vier“ einhergeht.

Wie weit werde ich laufen? Hängt davon ab, wie ich mich fühle. Wie schnell? Ebenfalls gefühlsabhängig. Wo werde ich hinlaufen? Auch das werde ich erst entscheiden, wenn ich aus der Tür trete. Vielleicht ist mir danach, den kleinen Pfad durch die Gemüsefarm zu nehmen und nachzuschauen, wie weit die Tomaten und der Mais schon sind, die ich in einigen Wochen essen werde. Oder vielleicht laufe ich auch lieber am Wasser entlang, wo ich salzige Luft schnappen kann, presche den Schotterweg hinauf zu den Klippen, hoch über dem Meer, von wo aus ich auf den endlosen, von Menschenhand unberührten Ozean blicken kann. Vielleicht ist es aber auch ein guter Tag, um durch den Wald zu laufen, umgeben vom Duft der uralten immergrünen Bäume und Sträucher und dem Pochen der Spechte. Dort werde ich für eine kleine Weile keiner Menschenseele begegnen.

Worüber denke ich dabei nach? Alles und nichts, und alles dazwischen – über einen Teil des Liedes, das ich vor drei Tagen gehört habe, eine bessere Formulierung der E-Mail, die ich gerade vor dem Laufen noch verschickt habe, wie gut sich die weiche Erde unter meinen Füßen anfühlt, wie lecker das Abendessen sein wird, das ich nachher zubereiten werde, die lustige Geschichte, die mir Dan das letzte Mal erzählte, als wir zusammen laufen waren, wo ich demnächst etwas trinken gehen werde, was ich gegen das Humpeln meines Hundes unternehmen könnte, wo ich meine nächste CD kaufen werde, eine gute Ausrede, warum ich wieder einmal den Rasen nicht gemäht habe. Und natürlich darüber, wie wenig mein Lauf mit der Freudlosigkeit, dem Zwang und dem Masochismus zu tun hat, den manch junger Mensch damit verbindet. „Links, zwo, drei, vier!“

Leider konnten die Jugendlichen nicht sehen, was sich in mir, in meinem Inneren abspielte. Als ich eine Stunde später nach Hause zurückkam, hatte ich mehr Energie, war freundlicher, ruhiger und zufriedener als ich es den ganzen Tag zuvor gewesen war. All das Unkraut, das tagsüber über meinen Geist und meine Gedanken gewuchert war, war entsorgt. Mein Kopf war frei, zum Denken bereit. Zu dumm, dass ich dieses Gefühl nicht greifen, eintüten und den Jungs geben konnte, damit sie sehen, dass sich meine Laune beim Laufen so verbessert hatte, wie sie selbst das höchstens durch ein paar Bier schaffen – die sie wohl gern von mir spendiert bekommen hätten.

Beim Stretching zu Hause musste ich noch mal an die Jungs denken: Eigentlich war ich in ihrem Alter genauso. Ich habe genauso mit meiner Clique herumgehangen, habe getan, was alle machten, war gelangweilt. Ich hatte keine Ahnung, dass es so viele bessere Dinge zu tun gibt. Eher zufällig bin ich eines Tages einige Meilen im Sportunterricht gerannt – und war verblüfft von der Wirkung: Laufen gab mir ein Gefühl von Freiheit, was sich völlig anders anfühlte, als die Langeweile, die ich bis dahin oft verspürte und die mich behinderte. Innerhalb weniger Monate merkte ich, dass mich Laufen immer mehr befreite. Je mehr ich lief, desto unbedeutender wurden mir Cliquen. Was und wer gerade cool war, spielte immer weniger eine Rolle. Vielmehr lernte ich, was wirklich wichtig für mich war und wie ich mein Leben gestalten musste, um das auch zu erreichen. Die Wurzel des Menschen, der ich heute bin, ist dieser 15-Jährige, der etwas fand, das er liebte und das er nutzte, um die Welt um sich herum und sich selbst zu erkunden.

Weitere Fit Life-Essays finden Sie in unserer Rubrik Motivation.