The Fit Life: Laufende Unbekannte

Dieser Artikel wurde von Scott Douglas aus unserem Take The Magic Step®-Team verfasst. Scott ist seit 1979 Läufer und hat fast zur gleichen Zeit begonnen, über den Laufsport zu schreiben.

© Stacey Cramp

© Stacey Cramp

Wenn Sie und ich uns für einen 15-km-Lauf verabreden würden, wüssten wir danach wahrscheinlich mehr voneinander als wenn wir Nachbarn wären. Legen Sie noch einmal das Doppelte an Strecke drauf, dann würden wir uns vielleicht besser kennen als Kollegen, die fünf Jahre miteinander gearbeitet haben. Auch wenn wir nur eine Stunde miteinander hätten, könnten Sie mit großer Wahrscheinlichkeit meiner Schwester danach berichten, wie weit mein Einkommen zwischen 2003 und 2004 gesunken ist oder welch große Rolle die Band Luna spielte, als ich meine Frau kennen lernte oder gar inwiefern meiner Meinung nach mein Interesse am Rennsport meine Ehe beeinflusst.

Wie kommt es, dass gemeinsames ,Leid’ die Zunge stets so locker macht? Wie so viele Läufer bin ich eher introvertiert. Souverän und locker Konversation zu pflegen, ist nicht gerade meine Stärke. Fragen Sie mich etwas, und ich antworte Ihnen gern, aber ansonsten neige ich dazu, mich eher zurückzuhalten und zu beobachten als lautstark meine Meinung äußern oder eine Anekdote nach der anderen zu erzählen. Vielleicht haben Sie ähnliche Charakterzüge. Also: Warum können wir nach 20 Minuten auf der Strecke nicht einfach die Klappe halten?

Das Beste ist, das Ganze so zu behandeln, wie die Lieferung eines guten, angesehenen Magazins, das man nicht abonniert hat. Man sollte es einfach genießen wenn es passiert, anstatt es zu sehr zu hinterfragen. Wenn einen sonst eher das Gefühl von Verlegenheit und Zurückhaltung beherrscht, ist die Leichtigkeit, mit der ich mit einem Laufpartner reden kann, ein Segen, der nicht durch tiefgründige Analysen beeinträchtigt werden sollte. Vielmehr sollte ich es zu schätzen wissen und genießen, dass ich nur dann nicht zu viel über die Begegnung mit fremden Menschen nachdenke, wenn ich mit ihnen laufen gehe, und dass solche Fragen wie „Worüber sollen wir uns nur in den nächsten 90 Minuten unterhalten?“ gar nicht erst aufkommen.

Dahinter steckt die Annahme, dass der andere und ich etwas gemeinsam haben. Schließlich sind wir nicht zufällig in der Schlange im Supermarkt ins Gespräch gekommen. Wir wissen, dank des Laufens, dass der Laufpartner den Tag mit Höhen und Tiefen erlebt hat und er nach Wegen im alltäglichen Dschungel eines Erwachsenen gesucht hat.

Die Kraft dieses Phänomens wird einem umso bewusster, wenn es ausbleibt. Alle Jubeljahre ertappe ich mich nach den ersten Kilometern eines ersten gemeinsamen Laufes mit einer neuen Bekanntschaft, dass ich mir wünsche, der Lauf wäre vorbei. Gespräche über zurückgelegte Kilometer, gemeinsame Bekannte, bunte biographische Details – bei keinem Thema springt der Funke über. Die Vermutung, dass der andere diese unerwartete Unverbundenheit wahrscheinlich ebenso spürt, macht das Unbehagen umso stärker. Nicht, dass ich gleich eine tiefe Freundschaft mit jedem Läufer, den ich treffe, eingehen möchte – oder das erwarte. Dennoch ist es immer schade, wenn dieses bedeutsame Etwas, das uns verbindet, nicht stark genug ist, die Schranken des Unbekannten und Fremden zu überwinden.

Ebenso wenig erwarte ich – oder will ich –, dass jeder Lauf mit liebenswürdigem Geplänkel erfüllt ist. Früher, als ich noch auf das College ging, war ich oft mit einem Typen laufen, der vollkommen andere Vorstellungen hatte als ich von – ja, eigentlich von so ziemlich allem. Die gesamten 20 Kilometer verbrachten wir damit, dem anderen lautstark mitzuteilen, wie idiotisch seine Ansichten über Politik, Religion, Patriotismus, Wirtschaft, Familie und zu guter letzt Musik seien. Einmal wären wir dabei fast handgreiflich geworden.

Und dann verabredeten wir uns am nächsten Tag wieder zum Laufen. Eine Version dieses Essays wird in Scotts bald erscheinendem Buch On Solid Ground: What It’s Like to be a Runner zu finden sein. Weitere Einblicke in das Buch werden wir Ihnen in den kommenden Monaten exklusiv auf dieser Internetseite geben. Weitere Fit Life-Essays finden Sie in unserer Rubrik Inspiration.