YES YOU CAN! Team Hoyt nahm bei seinem 28. Boston-Marathon so manche Hürde

Von David Wright
Dick und Rick in Hawaii – das legendäre Team bestreitet seit vier Jahrzehnten Wettkämpfe. © Zur Verfügung gestellt von Team Hoyt
Dick und Rick in Hawaii – das legendäre Team bestreitet seit vier Jahrzehnten Wettkämpfe. © Zur Verfügung gestellt von Team Hoyt

Die Zuschauer an der Ecke Commonwealth Avenue und Hereford Street waren wirklich erstaunlich, auch nach Stunden schien ihre Begeisterung ungebrochen. Voller Euphorie ermutigten sie die Läufer mit lauten Anfeuerungsrufen … applaudierten unentwegt den Teilnehmern des Boston-Marathons 2010, die den langen Weg von Hopkinton bis in die Bostoner Innenstadt zurückgelegt hatten und nun in Wellen nacheinander auf dem letzten von insgesamt 42,195 Kilometer vorbei rannten. Und dann, weit hinten am Ende der Straße, praktisch wie aus dem Nichts, legte der Applaus plötzlich so an Intensität zu, dass man eine Gänsehaut nach der anderen bekam: Bostons geliebtes Team Hoyt – und wie auch in den vergangen Jahren schob Dick seinen Sohn Rick im Rollstuhl – hatte die Unterführung der Massachusetts Avenue durchquert und war auf dem Weg zur Ziellinie seines 28. Boston-Marathons. Viele Zuschauer haben offensichtlich über Stunden geduldig auf diesen großen Moment gewartet.

In all den Jahren war es Dick stets gelungen, alles so einfach aussehen zu lassen. Doch während der 48-jährige Rick wie immer vor Freude strahlte, wirkte das Gesicht seines Vaters sehr angespannt als sie nach rechts in die Hereford Street einbogen. An diesem Marathontag waren ihm die Schmerzen und die große Anstrengung anzusehen, etwas, was er uns nur sehr selten zeigte. Wenige Minuten später überquerten beide die Ziellinie auf der Boylston Street in tapferen 5:26 Stunden.

Dick und Rick beim Ironman auf Hawaii. © Von Team Hoyt
Dick und Rick beim Ironman auf Hawaii. © Von Team Hoyt

Dick und sein Sohn Rick, der wegen einer Zerebralparese gelähmt im Rollstuhl sitzt, sind bereits seit 1977 ein legendäres Team. Ihr Mut und ihr Motto ‚YES YOU CAN’ brachte bislang schon mehrere Millionen an Spendengeldern für wohltätige Zwecke ein und inspirierte tausende Menschen, die diese beiden nicht nur bei Marathonwettbewerben, sondern auch beim Ironman-Triathlon gesehen haben. (Beim Hawaii-Ironman schiebt Dick nicht nur Ricks Rollstuhl über die Marathondistanz, beim Schwimmen über die knapp 3,9 Kilometer zieht er seinen Sohn in einem kleinen, aber schweren, fest verankerten Boot und beim Radfahren über die 180 Kilometer sitzt Rick in einem speziellen Sitz, der am Vorderteil von Dicks Rad befestigt ist). Bei einer Umfrage über die einflussreichsten Läufer in der Geschichte des Marathons – vor der 100. Auflage des Boston-Marathons im Jahr 1996 – belegte Team Hoyt Platz zehn! Und im Laufe ihrer Karriere erreichten sie eine persönliche Bestzeit von 2:40 Stunden.

Wie bereits in den vergangenen Jahren war auch der Boston-Marathon 2010 ein Triumph für die von Uta Pippig trainierten Charity-Läufer der Hoyt Foundation: 24 Läuferinnen und Läufer aus verschiedenen Teilen Nordamerikas nahmen mehr als 77.000 US-Dollar an Spenden für wohltätige Zwecke ein. Doch dieser 114. Boston-Marathon forderte Dick Hoyts ganzen Großmut. Einige Tage nach dem Wettkampf – und einen Monat vor seinem 70. Geburtstag – sprach Dick exklusiv mit Take The Magic Step® über die Herausforderungen, die das Leben während der vergangenen Jahre an ihn stellte … und über die Zukunft dieses legendären Duos.

„Wir werden älter”, stellte Dick sachlich fest. „Ich werde am 1. Juni 70 Jahre alt und Rick wurde kürzlich 48. Vor gerade einmal zwei Jahren wog er zwischen 52 und 54 Kilogramm, jetzt wiegt er bis zu 67. Mit meinem zunehmenden Alter und Ricks steigendem Körpergewicht ist es sehr schwer gewesen, seinen Rennrollstuhl zu schieben.”

Zudem war der Rollstuhl nagelneu. Rick hat Probleme mit seinem Rücken und bekam Schmerzen, wenn er über die volle Marathondistanz in seinem alten Leichtrollstuhl saß. Also wurde ein Stuhl nach seinen Bedürfnissen angefertigt, der zwar bequemer für Rick war, jedoch auch viel länger, höher und schwerer zu schieben, sodass noch in letzter Minute kleine Korrekturen daran vorgenommen werden mussten. „Die Wartezeiten haben mich mental sehr belastet”, gesteht Dick. „Immer wieder ging mir die Frage durch den Kopf ‚Wird der Stuhl noch rechtzeitig fertig werden?'” Fast hätte sich seine Sorge bestätigt: Der Stuhl wurde gerade noch rechtzeitig geliefert, um ihn in den Van zu packen und dann zum Wettkampf nach Boston aufzubrechen. Es blieb keine Zeit mehr, damit zu trainieren. Außerdem haben ihn der zusätzlichen Druck der vorherigen Reisen und der enge Zeitplan seiner Vortragsreihen, auf denen er Menschen mit Behinderung motivieren will, dazu gezwungen, seine Trainingsläufe in Vorbereitung auf den Marathon auf maximal 22 Kilometer zu beschränken.

Das Team hinter dem legendären Team Hoyt. © Von Team Hoyt
Das Team hinter dem legendären Team Hoyt. © Von Team Hoyt

In einer E-Mail an die Läufer von Team Hoyt vor dem Rennen, erwähnte Dick neben den Problemen mit dem neuen Rennstuhl auch seine ungeklärten Atembeschwerden, und dass er wegen seiner Oberschenkelbeugemuskulatur wöchentlich zur Physiotherapie gehe. Aber weiter schrieb er „ … doch irgendwann an diesem Bostoner Nachmittag werdet ihr erleben, wie Team Hoyt die Ziellinie überquert. ‚YES YOU CAN.'”

Und genau so war es! Schon früh im Rennen wurde Dicks Tapferkeit auf die Probe gestellt. „Nach etwa elf Kilometern musste ich stehen bleiben, weil ich Probleme mit meiner Atmung hatte. Mir war schwindlig und ich fühlte mich ziemlich schwach. Eine Zeitlang konnte ich nur gehen, doch dann wurde es wieder besser und ich bin weiter gerannt. Diese Situation wiederholte sich allerdings alle 25 Minuten. Später bekam ich auch noch Magenschmerzen – das war wirklich kein besonders erfreulicher Tag für mich.” Dann fügt er hinzu: „Ich wusste, wir würden es schaffen, doch die Zeit schritt unbarmherzig voran. Rick und ich waren es nicht gewohnt, so langsam vorwärts zu kommen. Er liebt es, wenn wir schnell rennen und er möchte gewinnen. Das Letzte, das er will, ist fünf Stunden im Rennrollstuhl auszuharren. Dummerweise haben wir beide nicht vergessen, wie gut unsere Zeiten über so viele Jahre gewesen waren.”

© www.photorun.net
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Acht Kilometer vor dem Ziel legten Dick und Rick Hoyt ihren letzten Stopp ein. Und als ob die Zuschauer geahnt hätten, welch tapferes Bemühen sich direkt vor ihren Augen abspielte, fingen sie an, die beiden lauter als je zuvor anzufeuern und zu ermutigen. „Es war unglaublich, wie begeistert uns die Menschen in der Commonwealth Avenue empfangen haben”, erzählt Dick. „Als wir aus der Ferne immer näher kamen, wurde der Jubel lauter und lauter und das hat uns die Kraft gegeben, weiter zu machen.”

Ich hatte erwartet, Dick könnte über folgende Frage vielleicht verärgert sein: Wenn Sie an die schweren vergangenen Wochen denken, wie lange wird Team Hoyt die hügelige Strecke nach Boston noch bewältigen können? Die Antwort kam ohne Zögern: Mindestens noch zwei Jahre. „2012 feiert Rick seinen 50. Geburtstag, zudem wäre es unser 30. Boston-Marathon. Und es ist der 150. Gründungstag von John Hancock, dem Sponsor dieses Rennens. Ich werde dann 72 sein, aber wir werden den Lauf schaffen.”

Dicks neues Buch – ‚Devoted: The Story of a Father’s Love for His Son’. war am Marathon-Wochenende erschienen und viele Male verkauft worden. Es gab noch etwas, worüber er bei diesem Rennen sehr glücklich war: „Das Größte für mich war, dass Rick während des Rennens überhaupt keine Rückenschmerzen hatte. Der neue Stuhl war bequem und genau das Richtige für ihn.”

Dick lächelte. „Für mich allerdings weniger”, fügte er hinzu und seine Augen strahlten voll Liebe und Entschlossenheit.