André Pollmächer läuft dem Europameister den Rang ab

André Pollmächer beim Europacup-Sieg im April. © www.photorun.net

André Pollmächer beim Europacup-Sieg im April. © www.photorun.net

Als vier Jahre nach dem Karriereende von Olympiasieger Dieter Baumann im vergangenen August bei den Europameisterschaften plötzlich Jan Fitschen zur Goldmedaille über 10.000 Meter gestürmt war, war dies trotzdem keine Trendwende. Denn im außereuropäischen Vergleich rannten die besten deutschen Läufer nach wie vor unter ferner liefen. Der Wattenscheider hatte in jenem EM-Finale das Rennen seines Lebens erwischt und diese Chance genutzt. Dies sah Jan Fitschen noch in der Stunde des größten Triumphes mit Blick auf die Weltmeisterschaften in diesem Jahr realistisch. Inzwischen wurde er bestätigt, denn der Europameister steht ohne WM-Norm da.

Dass der deutsche Männer-Langstreckenlauf dennoch eine neue Perspektive hat, liegt an einem anderen Athleten: André Pollmächer. Bereits vor einem Jahr in Göteborg hatte der Läufer des LAC Chemnitz mit einem siebenten Platz überrascht. Damals stand er mit diesem persönlichen Erfolg im Schatten des Jan Fitschen. Jetzt jedoch ist der 24-Jährige aus diesem Schatten herausgelaufen.

Ebenso überraschend wie Jan Fitschen vor einem Jahr bei der EM triumphiert hatte, gewann André Pollmächer im April den 10.000-m-Europacup. Das war zuvor nur einem Deutschen gelungen: Dieter Baumann. Anfang Juni steigerte der Chemnitzer seine Bestzeit dann bei einem Rennen in Belgien auf 27:55,66 Minuten. Damit unterbot er nicht nur die B-Norm für die WM sondern war so schnell wie kein anderer Deutscher seit Dieter Baumann. Pollmächer ist nun schon gut 15 Sekunden schneller als Fitschen und dabei sechs Jahre jünger als der Europameister. “Mir war klar, dass sich André in diesem Jahr weiter steigern würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass er gleich unter 28 Minuten rennen würde”, sagt Jan Fitschen.

Früher war Dieter Baumann einmal das Vorbild für den Chemnitzer. Heute nennt der Läufer jedoch zwei andere Idole: Was den Laufstil angeht, ist es der marokkanische Mittelstrecken-Weltrekordler und Olympiasieger Hicham El Guerrouj. Ansonsten ist sein Trainer, Bernd Dießner, das Vorbild. Die sehr enge Verbindung zwischen dem Coach, der in den 60er Jahren über 5.000 Meter eine EM-Bronzemedaille gewonnen hatte, und dem Läufer erklärt sich auch damit, dass das Talent André Pollmächer für die deutsche Leichtathletik aller Voraussicht nach verloren gewesen wäre ohne Bernd Dießner. Der Trainer führte in rund 30 Jahren eine Reihe von Läufern zu außergewöhnlichen Erfolgen: 1978 schockte Olaf Beyer bei der EM mit seinem 800-m-Sieg die haushohen britischen Favoriten Sebastian Coe und Steve Ovett, bei Olympia in Moskau 1980 platzierte sich Jürgen Straub im 1.500-m-Finale zwischen den beiden Briten, 1986 gewann Ulrike Bruns über 10.000 Meter bei der EM in Stuttgart Bronze, und 1988 lief Jens-Peter Herold bei Olympia über 1.500 m auf Rang drei. Herold und weitere Mittelstreckler führte Bernd Dießner in den 90er Jahren zu einer Reihe von deutschen Rekorden.

1998 erkannte Bernd Dießner das Potenzial des damals 15-Jährigen. “Er lief ein 1000-Meter-Rennen, das er in einer Zeit von über drei Minuten gewann”, erzählt Bernd Dießner. Dieses Ergebnis spricht nicht unbedingt für ein außergewöhnliches Talent. “Aber es war zu sehen, dass er gute körperliche Voraussetzungen mitbringt. Man braucht dann im Langstreckenlauf viel Geduld”, sagt Bernd Dießner. Geduld musste zunächst allerdings der Coach selbst haben, denn auf Anhieb kam der Landestrainer nicht an das Talent heran. “Ich habe später erfahren, dass Bernd Dießner bei meinem Verein in Riesa angerufen hatte und ein Probetraining verabreden wollte”, erzählt André Pollmächer. “Doch man sagte ihm, der bleibt bei uns – und mir hatte keiner was davon erzählt.” Aber der junge Läufer dachte selbst über Veränderungen nach, nachdem die Leistung stagnierte. “Der Leitende Landestrainer sagte mir, wenn du gut werden möchtest, dann musst du zu Bernd Dießner gehen.”

Im Winter 1999 machte er bei Dießner ein zweiwöchiges Probetraining in Chemnitz. In der Folge verbesserte er sich über 3.000 Meter um über eine halbe Minute. Die Entscheidung, nach Chemnitz zu gehen, war gefallen. Nach der 10. Klasse wechselte André Pollmächer auf das Sportgymnasium. Statt zweimal pro Woche trainierte er nun täglich. “In den ersten Monaten bin ich um 17 Uhr in mein Bett gekrochen und habe bis morgens um sieben geschlafen. Bernd Dießner hat mir keine Luft gelassen.” Der Coach, der bekannt ist für sein hartes Training, erklärt: “Andrés Talent für die Langstrecken war offensichtlich, daher haben wir uns gar nicht erst mit Versuchen über andere Distanzen aus dem Konzept bringen lassen. Wir haben entsprechend seiner Veranlagung gut trainiert.”

Nach gut einem Jahr der Zusammenarbeit wurde André Pollmächer Deutscher Jugendmeister im Straßenlauf. Der nächste entscheidende Schritt nach vorne waren die Europameisterschaften der unter 23-Jährigen 2005. “Bernd Dießner hatte mir gesagt, dass ich hier eine Medaille gewinnen müsste, um den Sprung zu schaffen – er hatte recht”, erzählt der Läufer, der damals Zweiter über 10.000 Meter wurde. Heute ist er dabei, sich in der europäischen Spitze zu etablieren.

Seit 2004 trainiert der Chemnitzer auch in leistungsfördernder Höhenluft. Im vergangenen Jahr war er mit Bernd Dießner zum ersten Mal in Mexiko, wo er in Höhen von bis zu 3.200 Metern trainierte. “Beim ersten Mal wollte ich sterben”, erzählt der Läufer von den Anstrengungen des Trainings in dieser Höhe. 220 Kilometer läuft er im Höhentraining durchschnittlich pro Woche – das ist mehr als viele deutsche Marathonläufer. “Ich denke, das ist notwendig, um erfolgreich zu sein. Es gibt genügend Beispiele anderer Läufer dafür.” An Marathon denkt er dabei noch nicht, zehn Kilometer sind ihm vorerst lang genug.

In St. Moritz wird sich André Pollmächer in den nächsten Wochen auf seinen ersten WM-Start vorbereiten. Dabei steckt er im Kampf gegen die besten afrikanischen Läufer realistische Ziele: “Ich möchte einfach den bestmöglichen Platz erreichen – ob das dann der 15. oder 22. ist, kann ich nicht sagen.” Für das nächste Jahr ist das Ziel klar: die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Die Norm steht dann bei 27:49 Minuten. “27:40 Minuten sind das Ziel”, sagt Bernd Dießner. Damit wäre André Pollmächer im vergangenen Jahr der mit Abstand schnellste Europäer gewesen.

Pollmächer Zweiter bei Deutschen Meisterschaften über 5.000 Meter

Arne Gabius und Sabrina Mockenhaupt haben bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt am vergangenen Wochenende die Titel über 5.000 Meter gewonnen. In einem taktischen Rennen um den Sieg, in dem lange Zeit das Tempo fehlte, setzte sich Arne Gabius (LAV Asics Tübingen) am Ende in 14:03,97 Minuten knapp vor André Pollmächer (14:04,22) durch. Dritter wurde mit deutlichem Abstand Christian Glatting (TV Wattenscheid) in 14:07,24.

“Es war mir vorher klar, dass es heute ein taktisches Rennen geben würde. Ich bin zum ersten Mal Deutscher Meister geworden – darüber bin ich natürlich sehr froh”, erklärte Arne Gabius, der von Dieter Baumann betreut wird und bereits beim Europacup im Juni als Zweiter überzeugt hatte. Für André Pollmächer war das Meisterschaftsrennen zwischen zwei Höhentrainingslagern in der Vorbereitung auf seinen WM-Start über 10.000 m ein gelungener Test.

Sabrina Mockenhaupt (Kölner Verein für Marathon) hat dagegen die WM abgeschrieben. Sie wird nicht über 10.000 Meter in Osaka starten und sich stattdessen auf ihr Marathondebüt in Köln im Oktober vorbereiten. Im Alleingang gewann sie in Erfurt über 5.000 m in 15:23,71 Minuten. Dabei hatte Sabrina Mockenhaupt einen enormen Vorsprung von über einer dreiviertel Minute auf Simret Restle (Eintracht Frankfurt/16:11,11) und Marathonläuferin Melanie Kraus (Bayer Leverkusen/16:14,79). “Ich bin nach Erfurt gefahren, um zu gewinnen – das habe ich geschafft. Es war ein guter Tempotest für mein Marathondebüt. Für dieses Rennen gibt es noch einiges zu tun für mich”, erklärte Sabrina Mockenhaupt und fügte hinzu: “Auch wenn das Thema WM endgültig abgehakt ist, will ich im nächsten Jahr natürlich nach Peking zu den Olympischen Spielen.”